Berlin : Gedenkjahr für die Muse

Ihr Todestag jährt sich zum 300. Mal: Berlin feiert die kluge, schöne Preußenkönigin Sophie Charlotte

Helmut Caspar

Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz soll bei der Nachricht von ihrem Tode tief erschüttert gewesen sein. Die Frau, die am 1. Februar 1705 mit nicht einmal 37 Jahren in Hannover starb, war ihm eine interessante Gesprächspartnerin und gute Freundin gewesen. So wie Leibniz ging es vielen Berlinern, als die Königin von Preußen, Sophie Charlotte, verschied. Die barocke Herrscherin war beim Volk überaus beliebt gewesen. Mit ihrem 300. Todestag am kommenden Dienstag beginnt ein Jahr der Gedenkfeierlichkeiten für eine Herrscherin, deren Namen ein ganzer Bezirk trägt. Zu ihrem Ableben hatte ihr tief betrübter Gatte, Preußenkönig FriedrichI., die Lietzenburg in Charlottenburg umgetauft.

Sophie Charlotte war eine kluge und belesene Frau, selbstbewusst und künstlerisch tätig. An ihrer Seite machte sogar ihr Gatte, der „schiefe Fritz“, eine gute Figur. Ein König, der das Geld seiner Untertanen mit vollen Händen für Prunkbauten und Feste ausgab, Schulden machte, als Kriegs- und Feldherr vollkommen unbedeutend und noch nicht einmal hübsch war.

Zeitgenossen beschrieben die Königin als eine schöne Frau mit lebhaften dunklen Augen, die ein wenig zur „Starkleibigkeit“ neigte, gut französisch und italienisch sprach, sich im Deutschen ihren angeborenen „Accent“ bewahrt hatte  und „von ausnehmender Liebenswürdigkeit“ war. Man lobte sie als „schönste Prinzessin ihrer Zeit“, die zierlich die Worte setzte und „mit allerhand Leuten von allerhand Gegenständen reden“ konnte. Ihr Enkel König FriedrichII., der Große, nannte sie eine „Fürstin von hervorragendem Verdienst“, bei der sich „alle Reize ihres Geschlechts mit geistiger Anmut und aufgeklärtem Verstand“ vereinigten.

Bis zu ihrem frühen Tod unterhielt Sophie Charlotte in der Lietzenburg vor den Toren Berlins einen berühmten Musenhof. Hier gab es viele Lustbarkeiten – Theater, Konzert, Ballett, Feuerwerk, üppige Schmausereien. Adlige Damen und Herren spielten als Musiker und Komödianten mit – und mittendrin: Sophie Charlotte. Bei Hofe muss es, wie Zeitgenossen zu berichten wussten, freizügig zugegangen sein. Zu vorgerückter Stunde soll die feine Gesellschaft sogar über Tische und Stühle gesprungen sein. Da sei es auch geschehen, dass sich der sehr auf Etikette und Distanz bedachte FriedrichI. mitreißen ließ und sich unter die fröhlich Lärmenden gemischt habe.

Sophie Charlotte, am 30. Oktober 1668 in Iburg südlich von Osnabrück als Tochter des Herzogs Ernst August von Braunschweig Lüneburg und seiner Gemahlin Sophie von der Pfalz geboren, in Hannover aufgewachsen und 1684 mit dem späteren brandenburgischen Kurfürsten und preußischen König vermählt, zählte Literaten, Musiker, Maler und Gelehrte zu ihren Freunden. Ganz oben auf der Liste: ihr Landsmann, der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz, den sie bei dem Plan, in Berlin eine Akademie der Künste und der Wissenschaften zu gründen, unterstützte. Die Monarchin half, die im damaligen römisch-deutschen Reich verlachte „märkische Streusandbüchse“ zu kultivieren und trug zum Glanz des Hauses Hohenzollern bei. Sie sorgte dafür, dass das eher kleinstädtisch-langweilige Berlin für kurze Zeit zum Hort der Künste und Gelehrsamkeit wurde.

Ihre Wohnräume schmückte sie mit indischen Seidentapeten und Gobelins, dekorierte sie mit chinesischen Lackmöbeln und blau bemaltem Porzellan aus dem Fernen Osten, umgab sich mit Spiegeln, Gemälden und antiken Figuren.

Die Umbenennung der Lietzenburg in Charlottenburg nach ihrem Ableben war für das Volk gewöhnungsbedürftig. Doch auf königlichen Befehl wurde „scharf Wache darüber gehalten, dass alle diejenigen, die den ersten Namen nur nennen, sofort 16 Groschen zur Strafe erlegen müssen“.

Nachdem der Leichnam der toten Monarchin in Berlin angelangt war, wurde er in einem vom Hofbildhauer Andreas Schlüter geschaffenen vergoldeten Prunksarg mit einem Bildnis der Toten bestattet. Der Schrein steht noch heute im Berliner Dom am Lustgarten. Sophie Charlotte ruht dort – an der Seite ihres 1713 verstorbenen Gemahls.

Mehr zu Sophie Charlotte und Leibniz bietet der Vortrag „Die Königin und der Philosoph“ von Prof. Dr. Hans Poser, TU Berlin, am Dienstag, 2. Februar, 17.30 Uhr in der Urania, Schöneberg.

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