Gedenkkultur in Berlin : Die Angst der Opfer des 17. Juni, vergessen zu werden

Für die Verfolgten des Kommunismus fehlt bislang ein zentraler Gedenkort. Eine Erinnerung an sechs Millionen Opfer der Nazieroberungen fehlt auch. Nach und nach schrumpft der Verein 17. Juni 1953 - und die Angst, vergessen zu werden, wächst.

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Ringen um Würdigung. Peter Jahn will das sowjetische Soldatendenkmal um eines für zivile Opfer der Nazis ergänzen.
Ringen um Würdigung. Peter Jahn will das sowjetische Soldatendenkmal um eines für zivile Opfer der Nazis ergänzen.Wolff Spiekermann-Klaas

An das Flüstern kann sich Peter Jahn gut erinnern. 1969/70 hatte er, als Student in Leningrad, Männer und Frauen getroffen, die bei der Wehrmachtsblockade der Stadt vom September 1941 bis Januar 1944 fast verhungert waren – wie 800 000 andere Einwohner. Ziel der Deutschen war es, nur 200 000 von drei Millionen Eingeschlossenen durchkommen zu lassen: um Nahrungsmittel für die Invasoren freizusetzen. Viele Belagerte trugen als Folge der Fehlernährung unrevidierbare Organschäden davon, unter anderem an Stimmritzen. Das Flüstern dieser Überlebenden bringt den Historiker Jahn dazu, sich für diese vergessene Opfergruppe starkzumachen: russische und polnische Zivilisten wie auch sowjetische Kriegsgefangene, deren physische Beseitigung die Nazis systematisch betrieben.

Vor elf Jahren, bei Vorbereitungen auf das Denkmal für Europas ermordete Juden, hatte Jahn, damals Leiter des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst, erstmals gefordert, diese Gruppe zu berücksichtigen. Anfang 2013 ist aus den Überlegungen ein Aufruf geworden: Gegenüber dem Ehrenmal der Roten Armee soll als Ergänzung, auf der anderen Seite der Straße des 17. Juni, ein Ort der Erinnerung entstehen. Zur Einordnung gerade dieser NS-Verbrechen, sagt der 72-Jährige, müsse man die „Mechanismen des Tötens“ genau betrachten: die systematische Aushungerung und Erschießung von Millionen.

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Gedenken an den 17. Juni 1953 in der DDR
Gedenken an den 17. Juni 1953 in der DDR

Unmut über die expandierende Mahnmeile rund ums Brandenburger Tor kann Jahn nachvollziehen. Doch anders als verfolgte Homosexuelle, Sinti und Roma sowie Opfer der Euthanasie kommen sechs Millionen gezielt getötete „slawische Untermenschen“ im öffentlichen Bewusstsein nicht vor. „Das Nichtdasein eines solchen Ortes ist dann auch eine Aussage.“ Bei den Russen, die lange auf Siegeserzählungen fixiert waren, gebe es ein Umdenken: Die Urenkel fragten heute nach den Leidensgeschichten ihrer Familien. Der Tag des Überfalls auf die UdSSR sei mittlerweile ein Gedenktag.

Gemeinsamer Gedenkort für Opfer beider Diktaturen?

Die Idee, vis à vis dem sowjetischen Ehrenmal einen Erinnerungsort hinzuzufügen, hatte auch Carl Holzapfel schon gehabt – mit anderen Inhalten. Vor 44 Jahren entwarf er ein großes W (= Wiedervereinigung) als Einheitsdenkmal, markiert mit den Daten 20. Juli, 17. Juni, 13. August, eingefügt in eine Mauer, die sich mittig zur ewigen Flamme öffnet, während darüber zwei Hände einander zum Gebet ergreifen. Holzapfel, heute Vorsitzender des Vereins 17. Juni 1953, sieht ein, dass so etwas damals als Provokation der UdSSR verstanden worden, am alliierten Einspruch gescheitert wäre. Eine zentrale Würdigung der Opfer des Kommunismus hält er trotzdem für erforderlich. Die von der „Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft“ zu diesem Zweck diskutierten Standorte – am Reichstag oder Marx-Engels-Forum – scheinen ihm nicht mehr geeignet. Der 69-Jährige plädiert dafür, ein weiteres abstraktes Monument samt Mahnmalverdruss zu vermeiden und die Widmung in der Neuen Wache („Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“) zu ändern: Um „den berechtigten Ansprüchen der Opfer des Kommunismus und der DDR- Diktatur Platz zu verschaffen“. Dazu gehörten auch die deutschen Vertriebenen.

Carl Holzapfel und Tatjana Sternen befürchten, dass die Verbrechen des Kommunismus vergessen werden. 
Carl Holzapfel und Tatjana Sternen befürchten, dass die Verbrechen des Kommunismus vergessen werden. Wolff Spiekermann-Klaas

Der West-Berliner Holzapfel, der wegen Demonstration an der Grenze 1965 zu DDR-Zuchthaus verurteilt wurde, und seine Mitstreiterin Tatjana Sterneberg, die ab 1974 wegen Republikflucht einsaß, engagieren sich aus persönlich-biografischen Gründen. Bei ihrem Besuch der Neuen Wache liegt vor der Kollwitz-Pietá ein schwarz-gelber Kranz: von Berliner Griechen niedergelegt, um an deren von 1914 bis 1922 aus der Türkei vertriebene Vorfahren zu erinnern. Offenbar wird der Ort international interpretiert! Dass hier auch der Kommunismus global einzubeziehen wäre, von Stalin über Pol Pot bis heute in China und Nordkorea, kann sich Holzapfel zwar vorstellen. Seine Inschriftvorschläge allerdings fokussieren die deutsche Geschichte. Auf der Wand des Raumes sei Platz genug für: „Ohne Erinnerung keine Zukunft – 9. November. 1848 + 1918 + 1923 + 1938 + 1989.“ (Am 9.11.1848 wurde der Demokrat Robert Blum exekutiert.) Oder, zweite Idee: „9. November 1938, 20. Juli 1944, 17. Juni 1953, 13. August 1961, 9. November 1989.“ Dritte Idee: „Wir gedenken der Verfolgten und Opfer der beiden Diktaturen 1933 – 1945 + 1949 – 1989.“

Erinnerung braucht vor allem öffentliche Diskussion

Holzapfel war einst Bankkaufmann, aber „seit dem zwölften Lebensjahr“ gehört seine Leidenschaft der Geschichte. Dass seine Familienbiografie hin- und hergerissen wurde zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus, hat ihn geprägt: „Die Weiße Rose und der 20. Juli haben mich überzeugt. Man kann jedem die Frage stellen: Warum hast du nicht den Mund aufgemacht?“ Die Hotelfachfrau Tatjana Sternenberg an seiner Seite war in den 1970er Jahren aus Liebe zu einem Italiener, der an den Folgen der DDR- Haft starb, mit dem SED-Regime in Konfrontation geraten. Wenn beide berichten, von Hungerstreik, vom jährlichen Gedenkakten, von der Bitterkeit, als Reaktionäre abgestempelt zu werden: Dann zeigt sich, dass sie vor allem nicht vergessen werden wollen und Zuhörer brauchen. Doch der Verein 17. Juni 1953 schrumpft, „wir sterben aus“.

Könnte an der Konzeption der Neuen Wache etwas geändert werden? Ausgeschlossen, meint Peter Jahn. Er sieht in der Widmung das Ursprungsproblem: Wenn hier nicht über den Begriff „Krieg“ zu viele Vollstrecker staatlicher Verbrechen als Opfer einbezogen wären, hätte die Ausdifferenzierung des Mahnmalwesens für immer neue Gruppen nie stattgefunden. Dem Trend, „dass wir irgendwie alle Opfer waren“, sei unbedingt entgegenzutreten. Da in Treptow, in Friedrichshain und Sachsenhausen nur dezentral russischer oder polnischer Soldaten gedacht, zivile Opfer des Genozids aber vergessen würden, sollte an diese gegenüber dem Ehrenmal konkret erinnert werden, durch biografische Text-Foto-Tafeln. Man brauche Unterschriften, Spenden für ein Büro und Anzeigen, vor allem: öffentliche Diskussion.

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