Gedenkstätte Wannsee-Konferenz : Die Erinnerung braucht Platz

70 Jahre nach der Wannsee-Konferenz soll die Holocaust-Gedenkstätte einen Erweiterungsbau erhalten.

von und Marian Brehmer
Beengtes Gedenken. Am 20. Januar 1942 plante die Führungselite des Nazi-Regimes in der Villa am Wannsee die Ermordung der europäischen Juden. In die heutige Gedenkstätte kommen inzwischen 105 000 Besucher im Jahr. Foto: dpa
Beengtes Gedenken. Am 20. Januar 1942 plante die Führungselite des Nazi-Regimes in der Villa am Wannsee die Ermordung der...

Berlin - Genau 70 Jahre ist es an diesem Freitag her, dass in der Villa Am Großen Wannsee 56–58 das Treffen zur Organisation des Holocaust stattfand, für das sich der harmlos klingende Name Wannsee-Konferenz eingebürgert hat. Der Jahrestag ist Anlass zu verschiedenen Gedenkaktivitäten, eine öffentliche Veranstaltung in der Akademie der Künste, dazu eine Historikerkonferenz, zu der Bundespräsident Christian Wulff am historischen, heute als Gedenkstätte genutzten Ort einleitende Worte sprechen wird.

Der Jahrestag der Konferenz ist zugleich einer der Gedenkstätte. Erst am 19. Januar 1992 war sie eröffnet worden, zuvor hatte man das Gebäude lange als bezirkliches Schullandheim genutzt. Die Gedenkstätte liegt nicht gerade verkehrsgünstig: Alle 20 Minuten startet der Bus 114 vom S-Bahnhof Wannsee über die Wannseebrücke und biegt dann ein in die Villenstraße Am Großen Wannsee. Von einem Besuch hat dies noch keinen Interessierten abgehalten, im Gegenteil: Die Gedenkstätte hat ihre Kapazitätsgrenze längst überschritten. Rund 45 000 Besucher waren es am Anfang, sagt Michel Haupt, Verwaltungsleiter der Gedenkstätte. Im Vorjahr kamen bereits etwa 105 000 Besucher, davon 58 Prozent aus dem nichtdeutschsprachigen Ausland. Die Bildungsangebote, Seminare etwa oder Studientage, seien Monate im Voraus ausgebucht, die Villa, nicht gerade als Bildungsstätte konzipiert, müsse dringend um einen Neubau im ausgedehnten Garten erweitert werden.

Die Planungen laufen seit einiger Zeit, man wünscht sich ein Seminargebäude, einstöckig, Flachdach, viel Glas und Holz, mit Sanitäreinrichtungen im Untergeschoss, ausgelegt für bis zu 200 Teilnehmer, doch durch mobile Wände flexibel gestaltet. Rund 1,4 Millionen soll es kosten, die Hälfte werde aus dem Etat des Kulturstaatsministers kommen, der schon Zustimmung signalisiert habe, nur müsse eben Berlin die andere Hälfte finanzieren. Das soll über Lottomittel geschehen, die Anträge seien gestellt, sagt Haupt. Er hofft auf einen Baubeginn 2013 und eine Eröffnung im Jahr danach. Die Zustimmung des Landesdenkmalamts und der bezirklichen Denkmalpfleger habe man bereits eingeholt.

Bis dahin müssen sich die Besucher eben drängeln und gedulden. Viele kommen aus Israel. „Vor allem unsere Bildungsarbeit hat sich herumgesprochen“, sagt Wolf Kaiser, Leiter der Bildungsabteilung. Neben Veranstaltungen für Jugendgruppen und Schulklassen bietet das Haus auch berufsspezifische Studientage an. So gibt es etwa für Finanzbeamte Seminare über die Beraubung der Juden unter Mitwirkung der Reichsfinanzverwaltung. „Pädagogik steht bei uns im Vordergrund. Auf jede Besuchergruppe stellen wir uns individuell ein“, sagt Norbert Kampe, Vorsitzender der Gedenkstätte, den neben den räumlichen Sorgen – schon oft musste man in Zelte ausweichen – auch finanzielle plagen: „Jede Gedenkstätte in Berlin ist finanziell schlechter bestückt als ein durchschnittliches Museum.“

Die Bildungsarbeit des Hauses bekommt gerade dieser Tage eine aktuelle Note. Peter Klein, als Historiker langjähriger Mitarbeiter, ist in letzter Zeit bei Schülergruppen vermehrt auf Fragen zum Rechtsextremismus gestoßen. Im Lichte der Mordserien des Zwickauer Terrortrios sei immer wieder die Frage aufgetaucht, ob der deutsche Verfassungsschutz tatsächlich auf dem rechten Auge blind ist. „Man muss sich die Dimension klarmachen von dem, was sich diese Menschen im Kleinen ausgedacht haben. Es wäre falsch zu denken, es handele sich bei dieser Tat nur um drei Idioten“, sagt Klein. Und die Notwendigkeit, an einem Ort wie diesem auch über nationalsozialistische Verbrechen von heute zu sprechen, verstehe sich von selbst.

Die dunkle Geschichte des Hauses hatte 1941 begonnen, als eine NS-Stiftung die Villa eines Industriellen kaufte. Zur Konferenz von 1942 hatte Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts, eingeladen. In anderthalb Stunden wurde dort die „Endlösung der Judenfrage“ besprochen. Die Entscheidung zur systematischen Vernichtung war zwar zu diesem Zeitpunkt schon gefallen. Doch erst bei der Wannsee-Konferenz gab die Führungselite des nationalsozialistischen Regimes ihre Zustimmung. An diesem Ort wurden die entscheidenden Vertreter des Regimes zu Mitwissern und Mittätern.

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