Berlin : Gedenkstein enthüllt: Die Toten haben kein Gesicht

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"Auch ich war hier - Franz Josef Fischer", steht auf einem der Kranzgebinde, die gestern am Gedenkstein für die Opfer des ehemaligen KZ Lichterfelde in der Wismarer Straße niedergelegt worden sind. "Nie werde ich aufhören, die Wahrheit zu vertreten", heißt es dort weiter. Zunächst wusste keiner der Bezirksamtsvertreter, die die Feierstunde zur Enthüllung des von Günther Oellers geschaffenen Denkmals "Säule der Gefangenen" besuchten, wer Franz Josef Fischer ist. Der Mann ist ein Überlebender, wird schließlich in Erfahrung gebracht. Der 83-Jährige lebt in Schwaben, jemand anders hat für ihn den Kranz niedergelegt. Die wenigen namentlich bekannten Überlebenden des Lagers waren nicht eingeladen.

Wie berichtet, hatten die Nationalsozialisten in der Wismarer Straße 26-36 von Juni 1942 bis April 1945 ein Außenlager des KZ Sachsenhausen unterhalten. Es war ein Arbeitslager, in dem rund 1500 Häftlinge, überwiegend Handwerker, inhaftiert waren: Polen, Holländer, Belgier, Russen, Deutsche, Österreicher, Ukrainer, Tschechen, Franzosen und Norweger. In Sträflingskleidung rückten sie täglich aus, um für die SS und für private Firmen Bauarbeiten zu erledigen. "Das KZ war die ganze Nacht hell beleuchtet", betont Baustadtrat Norbert Kopp (CDU), "sichtbar für die Anwohner."

Als einziger Vertreter der NS-Opfer ist Werner Goldstein gekommen. Der 80-Jährige saß 1938 nach der Pogromnacht im KZ Sachsenhausen ein. Er ist Mitglied des Sachsenhausener Komitees, eines Zusammenschlusses ehemaliger Häftlinge, für das er einen Kranz niederlegte. Finanziert hat das rund 70 000 Mark teure Kunstwerk die Wohnbau GmbH Bonn, die auf dem ehemaligen KZ-Gelände 270 Wohnungen errichtet. Die zugehörige Gedenktafel fehlt, soll aber noch in diesem Jahr aufgestellt werden.

Oellers hat eine vier Meter hohe Stele aus Basalt geschaffen, umschlungen von einer rostigen Eisenkette. Am oberen Ende deuten eingeritzte Wellen Köpfe an. "Sie haben keine Gesichter, weil die Opfer namenlos sind", erklärt der Künstler.

"Hoffentlich wird die Erinnerung an die Opfer nicht von Nazi-Schmierereien auf der Säule vernebelt", sagte ein Zuschauer. "Man muss das Denkmal vor denen schützen, die die Vergangenheit nicht wahr haben wollen", sagt Goldstein, dessen gesamte Familie in Auschwitz umgekommen ist.

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