Gedenktag : Rosa, Karl und die Kapitalismus-Krise

Auch in diesem Jahr zogen die Linken wieder ans Grab von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – aus Tradition und jetzt erst recht.

Stefan JacobsD
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Als gegen halb zehn am Morgen die linke Prominenz an der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde eintrifft, sind die Namen auf den Grabplatten von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gerade noch lesbar. Routiniert schieben die Linken die Wand aus Kameras und Mikrofonen vor sich her, vom Friedhofseingang zum Rondell mit dem berühmten Stein: „Die Toten mahnen uns.“ Die Bundesprominenz bildet die erste Reihe: Fraktionschef Gregor Gysi, Präsidentschaftskandidat Peter Sodann, Parteichef Lothar Bisky, die Abgeordnete Petra Pau und der hochgewachsene Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, der wie ein Turm aus der Menge ragt. Dahinter Berliner Parlamentarier und die Senatoren der Linken. Abgesehen davon, dass Oskar Lafontaine krankheitsbedingt fehlt, sind alle da. Und: Sie vergessen nicht, auch an dem vor zwei Jahren eingeweihten Stein für die Opfer des Stalinismus innezuhalten.

Minuten später bildet sich vor dem Rondell eine Schlange überwiegend pelzbemützter Menschen mit Nelken in der Hand. Zum 90. Jahrestag von Luxemburgs und Liebknechts Ermordung (der eigentlich erst am Donnerstag ist) versinken ihre Grabplatten im Blumenmeer. Die Veranstalter werden später von 80 000 Besuchern sprechen, die Polizei von 15 000. Bei Luxemburg türmt sich die höchste Nelkenwoge, gefolgt von Liebknechts Grab und, mit großem Abstand, dem von Ernst Thälmann. Aber auch Ulbricht und Grotewohl auf der anderen Seite des Rundes werden mit Blumen bedacht. Die Schlange wächst, mobile Lautsprecher bereichern das stille Gedenken um schwermütige Musik. Manche signalisieren, dass sie die Presse hier nicht mögen und machen höchstens für „Junge Welt“ und „Neues Deutschland“ eine Ausnahme. Viele sprechen Sächsisch, so dass die Worte wie „die BRD“ aus ihrem Mund noch härter klingen, als sie das bei minus zehn Grad ohenhin tun.

Zwei Eheleute, Mitte sechzig etwa und dialektfrei, erklären, was sie hierher treibt: „Es ergreift uns immer wieder, wenn man an diese Grabstätte tritt“, sagt die Frau. „Am Mut dieser Menschen könnte sich mancher ein Beispiel nehmen. Heute sitzen zu viele nur im Sessel und meckern vor sich hin.“ Ihr Mann sagt, dass sie seit 1985 herkämen – heute lieber denn je angesichts der Abgründe, die der Kapitalismus zuletzt offenbart habe.

Auch Linken-Landeschef Klaus Lederer meint, dass „ein tiefer innerer Antrieb“ die Menschen anziehe. Er spricht vom „allgemeinen Empfinden, dass eine Gesellschaft ein gewisses Maß an Gleichheit braucht“. Lederer hat noch einen anderen Termin: die Pro-Israel-Demo. Zu deren Gunsten verzichtet er auf die traditionell-linke und in diesem Jahr durchaus antiisraelisch geprägte Kundgebung, deren fast 8000 Teilnehmer wenig später hier eintreffen werden. Lederer will bei den Israelfreunden „auch Dinge sagen, die nicht allen gefallen werden“, aber im Unterschied zu den Ganz-außen-Linken ergreift er nicht einseitig Partei.

Petra Pau ist gerade entrüstet, weil sich ein älterer Mann bei ihr erkundigt, wo Egon Krenz sei. „Da kann ich Ihnen beim besten Willen nicht helfen“, zischt sie. Lederer schaut amüsiert. Vor dem Friedhofstor mischt sich der Dampf von Erbsensuppe mit den Atemwölkchen der immer neuen Besucher. Stefan Jacobs

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