Gedenkzug : "Bahn hat politisch und menschlich versagt"

12.04.2008 21:31 UhrVon Torsten Hilscher
Zug der Erinnerung Foto: dpa
4646 Lichter sollen an durch die Deutsche Reichsbahn aus Berlin deportierte Kinder erinnern. - Foto: dpa

Protest gegen die Bahn am Brandenburger Tor: Das Unternehmen hat sich geweigert, den "Zug der Erinnerung" in den Hauptbahnhof fahren zu lassen. Begründung: Sicherheitsbedenken. Das Gefährt soll an die deportierten Juden erinnern.

BerlinBerlins Wirtschaftsenator Harald Wolf (Linke) hat dem Vorstand der Deutschen Bahn im Umgang mit dem "Zug der Erinnerung" "politisches und menschliches Versagen" vorgeworfen. Auf einer Veranstaltung am Samstagabend in Berlin sagte er vor mehreren hundert Menschen, das Verhalten der Bahn sei "kleinlich" und zeuge von "mangelndem Bewusstsein gegenüber der eigenen Geschichte".

Vertreter von jüdischen und antifaschistischen Organisationen mahnten die Bahn, ihre Verantwortung für die Deportationen von Millionen Menschen nicht zu verleugnen. Direkte Kritik an Bahnchef Hartmut Mehdorn übte die Vizepräsidentin des Bundestages, Petra Pau (Linke).

Im Anschluss an die Gedenk- und Protestveranstaltung zogen die nach Veranstalterangaben 700 bis 800 Kundgebungsteilnehmer in einem Schweigemarsch zum Potsdamer Platz. Dort stellten sie vor der Zentrale des Bahnkonzerns Kerzen ab. Die 4646 Lichter sollten an durch die Deutsche Reichsbahn aus Berlin deportierte Kinder erinnern.

Peinliche Blackade der Bahnchefs

Pau sagte, sie wisse inzwischen von Mitarbeitern der Deutschen Bahn, "denen die Blockade der Chefetage peinlich ist". Für besonders gravierend hält sie, dass das Unternehmen noch immer Bundeseigentum ist und der Bahnchef damit eigentlich dem Bund untersteht. Mehdorn sei jedoch offenbar "überfordert und überbezahlt". Kurz darauf führte Senator Wolf aus, das Verhalten der Bahn zeige, dass Erinnern in Deutschland heute noch immer nicht selbstverständlich sei. Ausdrücklich dankte er den Organisatoren der Schau "für diese beispielhafte bürgerschaftliche Initiative". Eine solche Initiative bedürfe der Ermunterung und Unterstützung, nicht "kleinlicher Blockade". Schließlich würde mit dem Zug auch knapp 4500 deportierten Berliner Kindern gedacht, die ihr Leben nicht gelebt hätten.

Seine Vorredner, die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano und der Vorsitzende des Zentralrates der Sinti und Roma, Romani Rose, bemängelten das unsensible Vorgehen der Bahn. Bejarano sprach von einer "würdelosen Haltung". Rose appellierte an Mehdorn, Hindernisse für einen Halt des Zuges im Berliner Hauptbahnhof zu beseitigen.

Bahn forderte hohe Streckengebühren

Die Auseinandersetzungen um den Zug hatten bereits in den vergangenen Tagen für Verstimmung gesorgt. Zahlreiche Initiativen, Organisationen und Parteien griffen Bahnchef Mehdorn scharf an, darunter Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Die Bahn begründete ihr Nein zu einem Zwischenstopp des Zuges im Hauptbahnhof mit Sicherheitsbedenken. Zugleich forderte sie nach Angaben der Organisatoren hohe Streckengebühren.

In den Waggons des Zuges werden Fotos und Lebenszeugnisse von deportierten Kindern und Jugendlichen aus ganz Europa gezeigt. Der Zug startete am 8. November 2007 in Frankfurt am Main. Ziel ist die Gedenkstätte Auschwitz in Polen, in der die Schau am 8. Mai ankommen soll.

In Berlin legt der Zug einen zehntägigen Zwischenstopp ein. Am Sonntag und Montag ist er im Ostbahnhof zu besichtigen. Nach Angaben des Bezirksamtes Lichtenberg soll er am Dienstag und Mittwoch auf dem Bahnhof Lichtenberg Station machen, am Donnerstag und Freitag in Schöneweide. Inzwischen steht den Organisatoren zufolge auch ein Halt am 19. und 20. April im Westhafen und die anschließenden zwei Tage am Bahnhof Grunewald fest.

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