Gedicht an der Niederländischen Botschaft : Poetische Mauer

„Die Stadt, eine halb abgeschminkte Frau“ steht nun auf der Steinfassade. Die Niederländische Botschaft hat Berlin ein Gedicht geschenkt.

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Berlin ist in. Der Text von Hendrik Marsman ist so aktuell wie 1922. Foto: Spiekermann-Klaas
Berlin ist in. Der Text von Hendrik Marsman ist so aktuell wie 1922. Foto: Spiekermann-Klaas

In den Niederlanden ist Berlin gerade ziemlich angesagt. Die Touristen strömen und schauen und staunen über die quirlige deutsche Hauptstadt. Das war vor genau 80 Jahren ganz genauso, als der niederländische Dichter Hendrik Marsman nach Berlin kam und seine Begeisterung in einem stil- und zeitprägenden Gedicht festhielt: „Berlijn“, eine Liebeserklärung an eine Stadt, die nie zur Ruhe kommt und vor Leben vibriert. „Der Morgen ist ein besudeltes Kleid / eine Seite mit einem Eselsohr / ein Klecks // die Stadt / eine halb abgeschminkte Frau // doch zuckend bäumt sie sich in den Himmel / wie ein blaues Pferd von Marc im Luftgeschirr // Berlin // die Sonne gelb“, heißt es in der treffenden Übertragung von Aard Posthuma, der auch schon Cees Nootebooms Gedichte übertragen hat. Ein Gedicht, das in den Zwanziger Jahren synonym für Berlin war und das Bild der Stadt für eine ganze Generation vorgegeben hat.

Wer dies auf Deutsch und Niederländisch lesen will, muss nicht in den Buchladen, sondern einfach zur Niederländischen Botschaft nach Mitte, Klosterstraße, Ecke Stralauer Straße. Auf der seitlichen grauen Betonwand hat schon einmal das Niederländische Fremdenverkehrsamt auf Riesenpostern für die Niederlande geworben. Nun spricht die Poesie zum hastigen Städter, der vorbeieilt, aber vielleicht an der Ampel Stralauer Straße seinen Blick hebt und dieses wunderbare Gedicht von Marsman liest. „die stadt / eine halb abgeschminkte Frau“ – kommt uns so Berlin nicht auch heute noch vor? Und dann das Aufbäumen – wie die Pferde von Marc, die Hendrik Marsman 1922 in einer großen Ausstellung im Kronprinzenpalais gesehen hatte, Berlin kommt immer irgendwie voran. Marsmans Liebeserklärung an die Stadt ist so aktuell wie 1922.

Berlin ist immer im Werden, nichts bleibt konstant, und so hat zwar ein archäologischer Fund vor der Mauer der Botschaft den Bau eines Hotels gestoppt, aber das Gedicht ist Poesie auf Zeit, es wird verschwinden. Die Botschaft hat der Stadt diese Installation zum 775. Geburtstag geschenkt – eine Geste der Freundschaft: Die Niederländer lieben ihre Literatur und sie lieben Berlin. In der Stadt Leiden in Südholland hat die Stiftung „Tegen Beeld“ schon mehr als 100 Gedichte auf öffentlichen Mauern inszeniert, von niederländischen und internationalen Autoren. „poezie is kinderspel“ heißt eines von Lucebert – Poesie ist ein Kinderspiel. Und Poesie ist eine Alternative zur Reklame, die uns überall entgegenschreit. In Paris hat die Stiftung jetzt Arthur Rimbauds „Bateau ivre“ auf eine große Mauer an der Place St. Sulpice aufgetragen, an der Rimbaud es zum ersten Mal vorgetragen hatte. Berlin hat viele Mauern, die der Poesie harren. Rolf Brockschmidt

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