Berlin : Gedichte aus dem Gefängnis

Erinnerungen an den Nazi-Gegner und Schriftsteller Albrecht Haushofer, wiederveröffentlicht von seinem Freund Rainer Hildebrandt

Andreas Conrad

In der Nähe von Glasgow war Rudolf Heß abgesprungen und verlangte nach seiner Festnahme als erstes, zu dem in der Nähe residierenden Lord Hamilton geführt zu werden. Über dessen Vermittlung erhoffte sich der Hitler-Stellvertreter offenbar erste Schritte zu einem Separatfrieden Deutschlands mit England. Lord Hamilton hörte sich alles an und flog prompt nach London, um Churchill Bericht zu erstatten. Der aber hatte erst mal Besseres vor: „Heß oder nicht Heß, ich schaue mir die Marx Brothers an.“

Schon vor über 30 Jahren hat der Sohn, Lord James Douglas-Hamilton, diese kuriose Fußnote zum Heß-Flug mitgeteilt und wird es gewiss auch heute tun, als Gast einer Buchpräsentation im Haus am Checkpoint Charlie. Gewidmet ist das vorgestellte Werk dem Mann, der ungewollt zum Initiator des Heß-Fluges wurde und darüber selbst in die Fänge der Gestapo geriet: Albrecht Haushofer, Wissenschaftler, Politiker, Dichter – und in den letzten Kriegstagen von der SS ermordet. Am Dienstag jährt sich zum 100. Mal Haushofers Geburtstag, Anlass für Rainer Hildebrandt, Leiter des Mauermuseums, sein erstmals 1948 veröffentlichtes Buch über den Lehrer und Freund Haushofer ergänzt noch einmal zu veröffentlichen.

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 war Haushofer, der Kontakte zum Widerstand hatte, in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen festgenommen und ins Berliner Zellengefängnis an der Lehrter Straße in Moabit gebracht worden. Nach einem Verhör durch die Gestapo hatte er einem Mithäftling gesagt, dass ihm jetzt nur noch eines drohe – ein „Rollkommando“ oder „Hitlers letzter Außenminister zu werden“. Damit hatte er zugleich noch einmal seine Gratwanderung im so genannten 1000-jährigen Reich beschrieben – als Widerständler und Mitarbeiter im Außenministerium.

Haushofer war Sohn des Professors für Geopolitik Karl Haushofer, dessen Lebensraum-Theorien von den Nazis, darunter seinem zeitweiligen Assistenten Heß, imperialistisch umgedeutet wurden. Heß war es auch, der nach 1933 seine Hand über die Familie hielt, obwohl Albrecht Haushofer mütterlicherseits nach damaliger Terminologie „Vierteljude“ war. Haushofer unterrichtete damals an der Berliner Hochschule für Politik Geographie und Politik. 1934 wurde er zeitweilig Mitarbeiter in der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes unter Staatssekretär Ernst Freiherr von Weizsäcker, nahm 1938 als Mitarbeiter von Außenminister Ribbentrop an der Münchner Konferenz teil. Mit Beginn des Krieges ging er aber zunehmend auf Distanz zum NS-Regime und nahm Kontakt zum Kreisauer Kreis, zu der Gruppe um Carl Friedrich Goerdeler und der Roten Kapelle auf.

In den Gesprächen mit dem England-Kenner Haushofer, im Vorfeld des Überfalls auf Russland, muss in Heß die Idee entstanden sein, im Alleingang einen Separatfrieden mit England zu suchen. Er glaubte offenbar, im Einverständnis mit Hitler zu handeln, wurde jedoch von der NS-Propaganda für unzurechnungsfähig erklärt. Haushofer geriet in den Verdacht, eingeweiht gewesen zu sein, kam im Prinz-Albrecht-Palais, Sitz der Gestapo, vorübergehend in „Ehrenhaft“. Beweisen konnte man nichts.

Dem Terror ist er dennoch nicht entkommen. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli floh er nach Bayern und wurde dort verhaftet. Schon immer hatte er auch schriftstellerisch gearbeitet, besonders als Autor historischer, versteckt zeitkritischer Stücke. Im Zellengefängnis entstanden 80 Gedichte, mit denen er als Lyriker berühmt werden sollte. Es war Haushofer gelungen, sie nach draußen zu schmuggeln, und er trug sie auch in der Stunde seines Todes bei sich, in der Nacht auf den 24. April 1945. Mit anderen Häftlingen war Haushofer von der SS abgeholt und auf einem nahen Trümmergrundstück per Genickschuss ermordet worden. Als man ihn nach Hinweisen eines Überlebenden Wochen später fand, hielt er in einer Hand ein mit Gedichten vollgeschriebenes Heft: die „Moabiter Sonette“.

Rainer Hildebrandt: „... die besten Köpfe, die man henkt“. Ein tragischer Auftakt zur deutschen Teilung und zur Mauer. (Hrsg. von Alexandra Hildebrandt). Verlag Haus am Checkpoint Charlie. 288 Seiten. Zur Buchvorstellung wird eine Sonderausstellung im Mauermuseum eröffnet. Am 7. Januar, 19.30 Uhr, findet auf dem Ehrenfriedhof für die Opfer des Nationalsozialismus, Wilsnacker Straße in Moabit (gegenüber Nr. 3), eine Kranzniederlegung durch die Berliner Geschichtswerkstatt statt. Um 20 Uhr folgt in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung, Turmstraße 5, eine Lesung der „Moabiter Sonette“.

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