Berlin : Gedichte im Film: Dichtung und nackte Wahrheit

Andreas Conrad

Die Geschichte des Films ist reich an Adaptionen epischer und dramatischer Dichtungen, die Lyrik hingegen wurde von den Regisseuren und Drehbuchschreibern eher links liegen gelassen. Mangels dramatischen Potenzials in den meisten Gedichten ist das ja auch verständlich, von Sonderformen wie der Ballade einmal abgesehen.

Bald schon kann die Liste der verfilmten Gedichte um 24 weitere Werke ergänzt werden, darunter Georg Trakls "Das Morgenlied", Hans Arps "Sophie", "Sozusagen grundlos vergnügt" von Mascha Kaléko oder "Ich kann dir die Welt nicht zu Füßen legen" von Heiner Müller. Zusammengefasst ergeben sie sogar einen kompletten Spielfilm: "Poem" von Regisseur Ralf Schmerberg, ein gemeinsames Projekt der Berliner Trigger Happy Productions GmbH, bisher auf Videoclips und Werbespots spezialisiert, und der US-Filmfirma @radical.media. Die genannten Gedichte sind bereits im Kasten, derzeit wird eine weitere Episode vorbereitet: die Verfilmung eines Gedichts des 1968 in Jülich geborenen, mittlerweile ins Berliner Tacheles-Milieu übergesiedelten Poeten Tom de Toys.

Um welches genau es sich handelt, mag die Berliner Produktionsfirma derzeit nicht mitteilen, aber die Dreharbeiten, für die noch jede Menge Darsteller gesucht werden, versprechen spannend zu werden: 600 Freiwillige sollen eine gigantische, metaphorisch gemeinte Schlacht zwischen Männern und Frauen darstellen, und damit sich auch jeder über den Gegner im Klaren ist, tun sie dies splitterfasernackt. Es wird wohl eine ziemliche Schweinerei, haben sich doch die Kontrahenten bei ihrer Auseinandersetzung "mit Tonnen von Filmblut" zu bewerfen, wie es in der Ankündigung des Spektakels heißt. Stattfinden soll es am 18./19. August "in einer Naturkulisse, im Umfeld von Berlin".

Ausnahmslos deutschsprachige Lyriker wurden in das "Poem"-Projekt aufgenommen, Klassiker wie Paul Celan, Rainer Maria Rilke und Erich Kästner oder schräge Versvögel wie Tom de Toys, der sich selbst als "Neuropoelitiker", als "Leiter des Forums für Quantenlyrische Primärexperimente", als "selbsternannter Minister für Transtherapeutische Ästhetik" oder gar als "letzter deutscher Dichterfürst des 23. Jahrhunderts" sieht. Auch die Riege der verpflichteten Darsteller kann sich sehen lassen: David Bennent rezitierte im Morgengrauen auf der Leipziger Straße Trakl, Hermann Van Veen las auf Usedom Hans Arp, und Meret Becker spielte im Hebbel-Theater mit 350 Kinderstatisten Mascha Kalékos "Sozusagen grundlos vergnügt". Sogar eine doppelte Oscar-Preisträgerin ist bei dem "Poem"-Projekt dabei: Luise Rainer, 1936 für "Der große Ziegfeld" und ein Jahr später gleich noch mal für "Die gute Erde" geehrt, wenig später, nach einem Streit mit MGM, aus dem Filmgeschäft wieder ausgestiegen und mittlerweile weitgehend unbekannt.

Einige Episoden entstehen auch im Ausland, gedreht wird in Super 8, 16 mm und 35 mm, mit mehreren Kameramännern, darunter Darius Khondji, erprobt in "The Beach", "Evita" oder "Delikatessen". Diesmal legt er Hand an Heiner Müller, dabei geht ein kompletter Hochzeitsladen in Flammen auf, selbstverständlich künstlerisch veredelt: Als Zündelbruder wurde Kain Karawahn engagiert. Er ist einschlägig bekannt.

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