Berlin : Gefährdungsstufe 1: Colin Powell ist gelandet

Die Krimi-Autorin Pieke Biermann durfte im Tross der Sicherheitskräfte mitfahren, als der amerikanische Außenminister zuletzt in Berlin war. Hier ist ihr Einsatzbericht

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Sie saß in der Einsatzzentrale und fuhr im Tross der Sicherheitskräfte mit: Die KrimiAutorin Pieke Biermann, die sonst für den Tagesspiegel über Berliner Verbrechen schreibt, war ganz nah dran, als US-Außenminister Colin Powell zuletzt Berlin besuchte. Jetzt ist Powell wieder da. Hier ist Pieke Biermanns Bericht.

Das sieht nach Warnschuss aus. Zwei Tage vor Eröffnung der zweiten Afghanistan-Folgekonferenz in Berlin finden Polizeibeamte 79 säuberlich abgepackte und verschlossene Plastiktüten mit jeweils gut einem halben Dutzend Pflastersteinen drin. Die Beamten sind Zivilaufklärer des Zentralen Verkehrsdienstes (ZVkD), der Abteilung der Berliner Polizei, die für Eskorten, Begleitschutzmaßnahmen und die gesamte Verkehrsregelung während Staatsbesuchen zuständig ist. „Die bekannten 200-Gramm- Argumente“, nennt Winfried Deutsch den Fund wenig später während der Einsatzbesprechung in der Friesenstraße.

Es ist Montagmorgen, der 29. März. Die Szenetütchen der etwas anderen Art lagen erstaunlich sichtbar im Tiergarten herum, Nähe Stülerstraße, ziemlich nahe dem Bereich rund um das „Hochsicherheitshotel Intercontinental“, der die nächsten Tage komplett abgeriegelt sein wird. Wollte da jemand testen, ob und wie die Polizeimaschine läuft? Um daraus Schlüsse für die eigentliche Attacke zu ziehen? So wie Sicherheitsleute bei einigen Bombendrohungen gegen Flüge von British Airways und Air France inzwischen vermuten? Winfried Deutsch, 47, Polizeidirektor und Leiter des ZVkD, ist seit dreißig Jahren Polizist und seit über zwanzig Jahren Spezialist für so genannte Großlagen. Der gebürtige Trierer, der schon als Kind nach (damals West-) Berlin kam, hat sich vom kleinen Wachtmeister in diversen Stäben und geschlossenen Einheiten bis zum höheren Dienst hoch gearbeitet. So einer kennt die „Kreuzberger Mai-Festspiele“ seit ihren Urgründen und benutzt sarkastisch deren Wortschöpfungen. Er ist auch Experte für Besuche von hochrangigen Politikern mit Gefährdungsstufen.

Das Adrenalin baut sich langsam auf

Beides hat drastisch zugenommen, die Staats- und Arbeitsbesuche, seit Berlin Regierungssitz und Hauptstadt ist – von zirka sechzig pro Jahr auf jetzt 200 bis 250 –, die Gefährdung seit dem 11. September 2001. Die „Argumente“ machen niemanden nervös. Für Nervosität bleibt ohnehin kaum Platz. Das Adrenalin baut sich allmählich auf, in konzentrischen Kreisen. Die Einsatzbesprechung des ZVkD ist eine gute Stunde konzentrierter Abgleich all der Vorbereitungen, die schon seit Wochen laufen – wer ist zuständig für welchen Einsatzabschnitt (EA), Unterabschnitt (UA), Zielpunkt (ZP), wer ist Verbindungsbeamter im Hotel, das heißt zu Bundeskriminalamt (BKA) und amerikanischen Sicherheitsleuten, welcher Gast kommt wann genau an, soweit bekannt, und so weiter. Einige der über sechzig angemeldeten Delegationen und Politiker aus aller Welt, die am Ende auf „nur“ 52 geschrumpft sein werden, haben obendrein Gefährdungsstufen: einmal Stufe 1 („mit einem Anschlag ist zu rechnen“) für Colin Powell, den amerikanischen Außenminister, einmal Stufe 2 („ein Anschlag ist nicht auszuschließen“) für den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai und elfmal Stufe 3 („Anhaltspunkte für eine Gefährdung liegen vor“). Letztere gilt zum Beispiel für NATO-Generalsekretär de Hoop Scheffer, EU-Außenminister Solana und verschiedene andere Außenminister.

Es gibt computergestützte Projektionen von Plänen und Karten mit Ausweichrouten vom und zum Flughafen Tegel. Es herrscht professionelle Nüchternheit, Berliner Art – inklusive Selbstironie und Witz. „Wir werden an Grenzen stoßen“, beendet Deutsch die Besprechung und empfiehlt: „Kräftig durchatmen, mit Augenmaß agieren und am besten vorher nochmal ,Der Schakal‘ lesen!“ Am selben Montag um sechzehn Uhr macht der ZVkD seine „Befehlsstelle“ auf, von der aus alle Bewegungen koordiniert und notfalls korrigiert werden und auf die ab Donnerstagabend die Gesamtleitung übergehen wird. Bis dahin ist Alfred Markowski „PFdE“ - Polizeiführer des Einsatzes namens Afghanistankonferenz. Der Direktor beim Polizeipräsidenten ist Leiter der Direktion 3, in der das Interconti liegt. Er hat seine Generalstabskonferenz schon hinter sich – mit BKA und Außenministerium sowie gut sechzig Führungskräften der Berliner Polizei.

Der „Einsatzbefehl Nr. 1“ wird durchgenommen, ein mehrseitiges Dokument minutiöser Logistik und auch Resultat eines feinziselierten Interessenausgleichs, ausgedealt in langen, mitunter delikaten Verhandlungen. Was das Protokoll sich für Gäste der Bundesrepublik Deutschland wünscht, passt nicht immer zusammen mit den Sicherheitserfahrungen von Polizisten. BKA und Länderpolizeien haben hier und da divergierende Vorstellungen. Und dann sind da noch die USA mit ihren eigenen, mitunter eigenmächtigen Befindlichkeiten. Es wird sorgfältig abgehakt – Voraufklärung der Strecken inklusive Brücken, Wasserwege und Kanalisation, ständige Aufklärung während der Konferenz durch BKA, Mobile Einsatzkommandos (MEK) des LKA und andere Zivilkräfte, Prozedere bei An- und Abfahrten, wann gibt es wo Absperrungen, wo werden Beamte des SEK eingesetzt, wo Präzisionsschützen, wo die 326 Kollegen aus Sachsen, wo die verschiedenen Einsatz- und Direktionshundertschaften, wann hat das BKA das Hotel „geputzt“, welche Rettungspläne gibt es im Fall irgendeiner „Schadstoffausbringung“ und so weiter.

Nach jedem einzelnen Kurzvortrag der Berliner Beamten stellt Markowski mit der Routine von New Yorker Standesbeamten eine Frage: „Sind Sie imstande, Ihre Aufgaben mit den Ihnen zur Verfügung gestellten Ressourcen zu erfüllen, dann antworten Sie mit Ja.“ Später erklärt er, was alle wissen: Die Versorgung geht in Eigenregie. Woraufhin ein BKA-Beamter ergänzt: „Die Entsorgung auch!“ Und höflich darum ersucht, allen eingesetzten Polizisten deutlich zu sagen, dass niemand eine Toilette im Interconti ansteuern solle, der keinen roten Badge hat, und dass das bitte nicht als „typische BKA-Arroganz“ ausgelegt werden möge.

Dienstag, 30. März 2004, einen Tag vor der Konferenz. Beim ZVkD sind seit fünf Uhr morgens 427 Beamte im Dienst, genau „2/27/398“. Das steht auf der Projektionsfläche an einer Wand der Befehlsstelle und heißt: zwei Beamte des höheren, 27 des gehobenen und 398 des mittleren Dienstes. Die Buchhaltung wird ständig per Computer aktualisiert. Die Projektionsfläche ebenso – mit Bildern aus dem Polizeihubschrauber oder minutengenauen Bewegungsdaten. Eine zweite Projektionsfläche zeigt den „Zeitstrahl“ – welche Delegation ist jetzt in Berlin (türkis), doch nicht gekommen (gelb) oder schon wieder weg (rosa)? Jede Gelbfärbung zieht leises Aufatmen bei dem halben Dutzend ständig anwesender, ständig telefonierender, diskutierender, tippender Beamter nach sich. Mit jeder neuen Türkiszeile wird es spannender. Heute kommt Karsai, das heißt Kolonne mit Sicherheitszelle und „weißen Mäusen“. Letztere sind heutzutage mehr froschgrün als weiß und fahren im Keil vorweg , wenn ein ausländischer Regierungschef in der Stadt unterwegs ist. Bei Karsai diesmal sieben Motorräder, denn er ist auf Arbeitsbesuch.

Wäre er vom Bundespräsidenten eingeladen, wär’s ein Staatsbesuch, dann bekäme er einen Fünfzehner-Keil. Die Keilfahrer sind nicht die einzigen Motorradleute. Eine Kolonne hat vorneweg „Putzer“, die den Weg freimachen, und den Mobilen Streckenschutz (MSS), der als begleitendes Ballett aus Bikern und Mannschaftswagen dafür sorgt, dass tatsächlich niemand die Protokollstrecke von schief nach quer durchkreuzt. Zusätzlich zu den Beamten, die ein paar Minuten vorher die jeweilige Kreuzung dichtmachen.

Kommunikation ist alles

Der ZVkD stellt außerdem einen BeDo-Trupp, Beamte in Zivil, die für „Beweismittel und Dokumentation“ sorgen und aus der Kolonne heraus aktiv werden, wenn irgendjemand am Straßenrand seinen Mittelfinger oder rechten Arm allzu hoch hält. Je nach Vorfall bis hin zur Freiheitsentziehung. „Na also“, sagt Michael Schock trocken in den Hörer, als ihm der „Leiter EA Karsai“ die reibungsfreie Ankunft des afghanischen Präsidenten und seiner Delegation im Interconti meldet. Der 41-jährige Polizeioberrat leitet die Befehlsstelle. Kommunikation ist alles hier, und Schock ist nicht nur seit 25 Jahren Polizist, er ist ein guter Kommunikator mit Teamgeist nach innen und elegantem Charme nach außen. Karsai wird allein an diesem Tag noch viermal hin- und hergefahren. Für die Anwohner der Budapester Straße gegenüber dem Hotel heißt das jedes Mal etwa eine Viertelstunde lang: Besuch is nich’, Einkaufen später oder zu Hause können Sie gerade nicht rein.

Dienstagabend hat Karsai ein privates Dinner am Potsdamer Platz. Das „Eintreffen am ZP“ ist für 19.45 Uhr vorgesehen. Um halb acht steht die Kolonne aufgebaut vor dem Interconti. Und wartet. Hält Funk- und Handykontakt mit dem BKA-Innenschutz. Wartet. Um kurz vor acht kommt das Signal „Gast auf dem Weg zum Fahrzeug“. Türen klappen, Motoren werden angelassen, etliche Limousinen und Polizeifahrzeuge setzen sich in Bewegung. Die Strecke zum Weinhaus Huth dauert etwa fünf Minuten. Allein 300 Polizisten sind sichtbar mit der Verkehrsregelung befasst, sichern Kreuzungen, schalten Ampeln aus und wieder an, lotsen die Kolonne. Dahinter arbeiten unsichtbar die anderen. Sie alle können nichts dafür, dass Polizeihauptkommissar Thorsten Schwarze, dem Leiter EA Karsai, zwei, drei Schweißperlchen aufs Gesicht treten.

Das liegt erstens daran, dass die Arkaden gleich nebenan um Punkt acht zumachen, weshalb um kurz nach acht eine etwas unübersichtliche Menschenmenge in der engen Straße herumwuselt. Und zweitens daran, dass aus irgendeinem Grund der Protokollchef mit dem roten Teppich noch nicht da ist, weshalb der Präsidentenfahrer erst nicht weiß, wo er halten soll, und Karsai dann erst einmal in die falsche Richtung schreitet. Kann passieren, so etwas. Shit happens, weiß man ja. Und nobody is perfect. Vor allem aber – nichts ist passiert. Weiter geht’s.

Augen auf und durch

Mittwochmorgen, 31. März, 9.14 Uhr: „Gast gelandet“. Dieser Gast kommt mit einer Airforce-Maschine auf dem militärischen Teil von Tegel an. Der steht längst voll mit Fahrzeugen und Polizisten, deutschen und amerikanischen, in Uniform und zivil. SEK-Beamte legen die Einsatzanzüge an, Personenschützer der Sicherungsgruppe des BKA gehen noch einmal mit amerikanischen Security Officers, ZVkD und anderen Berlinern den Kolonnenaufbau und Fahrtablauf durch. Das klingt glatter, als es ist. Anders als in den Vorbesprechungen zugesagt, hat der Sicherheitschef des Außenministers doch noch eigene, spezielle Wünsche. Er hat Ähnlichkeit mit, aber leider nicht ganz die Höflichkeit von Denzel Washington und lässt alle schon im Vorfeld zigmal vorgetragenen Argumente an sich abperlen, als ob er plötzlich auch kein Englisch mehr versteht.

Da bleibt man eben selbst höflich, atmet tief durch und agiert mit Augenmaß, wenn man Berliner Polizist ist wie Winfried Deutsch und Uwe Sliwinski, der Polizeihauptkommissar und Führungsgehilfe von Deutsch. Grinst ins Handy, wenn Schock in der Befehlsstelle ein knappes „Ich hab’s doch geahnt!“ verlauten lässt. Und widmet sich der Lösung des Problems, das eben Polizeihauptkommissar Jörg Giers, dem Leiter EA Powell zu leichten Hitzewallungen verhilft. Ein paar Fahrzeuge für die demnächst landende belgische Delegation stehen da, wo sie nicht stehen sollen, und dann taucht auch noch zur Unzeit der Flieger der Tschechen auf der Rollbahn auf, die an sich unlimited for Mr.Powell frei bleiben soll. Dann endlich setzt sich die Kolonne in Bewegung. Augen auf und durch. Was passieren würde, wenn etwas passiert, ist zwar immer wieder besprochen und bis ins kleinste Detail trainiert worden, aber hier und jetzt möchte sich das niemand mehr ausmalen. Und muss auch nicht. Es passiert nichts. Außer einem kleinen Zwischenfall, der im Nachhinein sogar sympathisch ist.

Irgendwo auf der Amrumer Straße, die für diesen Gast mit der höchsten Gefährdungsstufe in beiden Richtungen gesperrt ist, bewegt sich plötzlich etwas Dunkles zwischen den Bikern vom Putzerkommando und will sich seitwärts in die Kolonne hineinschieben. Es ist – ein Rollstuhlfahrer! Die Biker schwirren los wie Kolibris und zwingen ihn mit Megaphonstärke zur Kehrtwende. Keine Chance. Auch nicht für Unerwartbares. Im Führungsfahrzeug zwischen Putzern und Sicherheitszelle entfaltet Sliwinski britisch-trockenen Humor. „Sehn ’se, det is Berlin!“ Kommuniziert der Funker mit der Befehlsstelle. Und hängt sich Deutsch ans Handy. Mit dieser Souveränität erledigen die Profis vom ZVkD „nebenbei“ auch sechs andere offizielle Besuche, die nicht zur Konferenz gehören. Sie lotsen Karsai kreuz und quer durch die Stadt und Powell in eine Friedrichshainer Schule, die an diesem Donnerstagmorgen, dem 1. April, vermutlich voller mit Security aller Art als mit Schülern ist, und ins Amerikahaus für einen Zehn-Minuten-Besuch. Auf der Weiterfahrt zum Flughafen gibt es einen Knoten am ERPL, dem Ernst-Reuter-Platz, der den Verkehr dort länger als gewünscht beeinträchtigt. Aber das ist auch alles.

„Ach ja, und in irgendeinem Fahrzeug haben mal Karten gefehlt“, seufzt POR Schock zwei Wochen später gespielt resigniert. Da ist die Afghanistan-Konferenz für den ZVkD Geschichte, haben sie auch den Halbmarathon gleich danach bewältigt und sitzen längst über den Vorbereitungen für die nächsten Großlagen Ende April/Anfang Mai: OSZE-Konferenz, 1. Mai, Besuch des chinesischen Staatspräsidenten. Afghanistan war für sie am Freitag, dem 2. April, um 13 Uhr erledigt. Da leuchtete der „Zeitstrahl“ auf der Computerprojektion komplett gelb-rosa und saß auch Hamid Karsai wieder im Flugzeug. Der ZVkD allein hatte täglich 350 bis 450 Beamte im Einsatz, die Führungskräfte und ein großer Teil der „Basis“ eine Siebzig- bis Achtzig-Stunden-Woche, und wieder war das vor anderthalb Jahren gemeinsam entwickelte Einsatzkonzept aufgegangen. „Wir haben sogar hingekriegt, dass die Kolonnen von Karsai und Powell einmal fast auf die Minute gleichzeitig abfahren mussten“, sagt Schock stolz. „Na gut – nach dem fünften Tag war ich doch ein bisschen müde!“

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