Berlin : Gefährliche Sexualstraftäter im Visier

Spezialisten des Landeskriminalamtes beobachten aus der Haft Entlassene, um Rückfälle zu verhindern

Tanja Buntrock

Sie werden ihn nicht aus den Augen lassen: Manfred L., ein Sexualstraftäter, der fast 25 Jahre in Haft saß, ist seit Montag wieder frei. Der Antrag der Staatsanwaltschaft auf nachträgliche Sicherheitsverwahrung war abgewiesen worden. Nun ist die Spezialeinheit des Landeskriminalamtes am Zuge. Die sechs Ermittler der Abteilung Täterorientierte Prävention/Maßnahmen (ToM) sind für solche „Kandidaten“ zuständig: aus der Haft entlassene Sexualstraftäter, die unter einer hohen Risikoprognose stehen.

Es ist eine bestimmte Sorte von Tätern, die zu mindestens einem Jahr Haft verurteilt worden und meist notorische Rückfalltäter sind. „Unser Ziel ist es, bereits im Vorfeld auf den Täter einzuwirken, bevor er wieder eine Straftat begeht“, sagt Sabine Pelle, Leiterin der ToM. Denn die Erfahrung zeigt, dass nicht wenige Sexualstraftäter rückfällig werden. „Der Trieb ist oft stärker als der Verstand“, sagt Dezernatsleiter Michael Grasse. Dabei arbeiten die Ermittler nach einem ausgefeilten System: Sie haben eine „Ranking“-Liste der Risikokandidaten erstellt. Wie viele das in Berlin sind, will Grasse nicht sagen. Doch in den Computern der Ermittler laufen alle Daten und Fakten zusammen: Auch, wann der nächste aus der Haft entlassen wird. Kurze Zeit später laden die Beamten ihn zu einem Gespräch vor – dies hat nun auch Manfred L. als Auflage erhalten. Die Ermittler wollen sich ein Bild von dem Menschen machen. Hat er ein soziales Umfeld? In welchen Kreisen plant er zu verkehren? Zeigt sich der Kandidat unkooperativ, wirkt er in seinen Aussagen diffus?

Wie kürzlich: Ein pädophiler Sporttrainer wird aus der Haft entlassen. Als Auflage hat er bekommen, dass er keine Kinder und Jugendlichen trainieren darf. „Im Gespräch mit ihm ergaben sich Unstimmigkeiten“, sagt Sabine Pelle. Also befragten die Ermittler Freunde und Kollegen. Notfalls hätten sie den Sporttrainer auch observieren lassen. Doch dazu kam es gar nicht mehr. Schnell war klar, dass der Trainer gelogen hatte. Wieder hat er im Verein mit Kindern gearbeitet. Die Beamten gaben diese Erkenntnisse an die Justiz weiter. Erneut wurde ein Verfahren eingeleitet.

Der aktuelle Fall um Manfred L. ist der zweite spektakuläre der bundesweit einmaligen „ToM“, die 2003 gegründet wurde. Im Februar war der Kinderschänder Jens A. aus dem Knast entlassen worden. Dreieinhalb Wochen später war er wieder drin – in dieser Zeit hatte er sich erneut an zwei Jugendlichen vergriffen. Dass es nicht noch mehr Opfer gab, ist wohl den Ermittlern zu verdanken. Sie hatten Jens A. in Bernau aufgespürt, wo er bei einem ebenfalls verurteilten Sextäter untergekommen war. „Leider konnten wir die zwei Taten nicht verhindern“, sagt Grasse. Doch wahrscheinlich wären diese beiden Fälle ohne die Ermittler nie ans Licht gekommen: Die Opfer waren so eingeschüchtert, dass sie nach dem Missbrauch keine Anzeige erstattet hatten.

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