Berlin : Gefährliche Wege

Viele Kinder radeln zur Schule – und riskieren dabei ihr Leben. Der ADFC fordert mehr Fahrübung für die Kleinen

Jörn Hasselmann

Man ist schneller da und es ist schick – deshalb fahren viele Kinder schon im Grundschulalter mit dem Rad zur Schule. Eine Wahl, die lebensgefährlich sein kann, wie der Tod des siebenjährigen Joscha gezeigt hat, der am Mittwochmorgen zum Unterricht radelte und an einem Fußgängerüberweg gegen einen Lkw prallte.

Polizei und Schulverwaltung sind dagegen, dass Kinder unter zehn Jahren mit dem Fahrrad zur Schule fahren. Die obligatorische Radfahrprüfung, die es in Berlin gibt, findet erst in der 4. Klasse statt. Erst- bis Drittklässler seien nicht in der Lage, schwierige Situationen zu beherrschen. Auch Ärzte bestätigen, dass Kinder kaum Entfernungen und Geschwindigkeiten einschätzen können.

Beim Fahrradclub ADFC hält man die Ansichten des Senats und der Polizei für überholt. Der ADFC-Vorsitzende Benno Koch sagte, dass Kinder möglichst früh aufs Rad steigen sollten, um sich so möglichst schnell an den Verkehr zu gewöhnen. „Die Frage ist, wann man Kinder alleine fahren lässt“, sagte Koch. Und der Unfallexperte der Polizei, Andreas Wagner empfiehlt: Wer im Kindesalter Rad fährt, sollte einen guten Helm aufsetzen. Joscha starb an Kopfverletzungen. Hätte er einen Helm getragen, wäre er vielleicht nicht so schwer verletzt worden. Trotz des erwiesenen Unfallschutzes lehnt der Fahrradclub ADFC eine Helmpflicht ab – weil dies der Attraktivität des Verkehrsmittels schaden würde.

Die Verkehrssituation, in der Joscha zu Tode kam, war sehr kompliziert: Der Junge wollte die vielspurige Danziger Straße überqueren. Eine stark befahrene Hauptstraße, in deren Mitte auch noch Straßenbahnen in beiden Richtungen rollen. Die Fußgängerampel zeigte für Joscha zwar Grün, doch der Junge übersah den Lastwagen, der die Kreuzung noch nicht geräumt hatte.

Um Kindern solche Schwierigkeiten an großen Straßen möglichst zu ersparen, gibt es das Wohnortprinzip, das vorsieht, dass Kinder immer in die nächstgelegene Grundschule gehen müssen. Für Joscha wäre das die Thomas-Mann-Grundschule in der Greifenhagener Straße gewesen. Der Junge war von seiner Mutter aber mittels einer Ausnahmegenehmigung an der Kollwitzplatz- Schule angemeldet worden. Die ist offenbar beliebt. Wie Schulleiter Ingolf Liesegang sagte, stammt etwa ein Viertel seiner Schüler nicht aus dem eigentlichen Einzugsgebiet der Schule. Die Schulverwaltung hält die 25 Prozent für eine Grundschule für „ungewöhnlich hoch“, wie Sprecherin Rita Hermanns sagte. Normalerweise gelte die Regel, „Kinder in die Schule um die Ecke“ zu schicken. Ausnahmen würden nur gemacht bei den Europa-Grundschulen und sport- oder musikbetonten Schulen.

Doch die Kollwitzschule ist eine ganz normale Schule. Dagegen zeichnet sich die Thomas-Mann-Grundschule, wo der Zweitklässler regulär zur Schule gemusst hätte, durch eine ganze Reihe von zusätzlichen Angeboten aus. Um zur Kollwitzschule zu gelangen, musste Joscha täglich die Danziger Straße queren. Diese Magistrale trennt das Einzugsgebiet der Kollwitzplatz- und der Thomas-Mann-Schule.

Infos zu Fahrradhelmen unter:

www.radwelt-online.de /jetzt/aktuell/aktu559.htm

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben