Gefängnistheater "aufBruch" : Zwischen Rampenlicht und Gitterstäben

Auf dem ehemaligen Flughafengelände in Tempelhof führen Ex-Häftlinge, Freigänger und professionelle Schauspieler das Stück „Simplicissimus“ auf. Den ehemaligen Kriminellen hilft das Theaterspielen bei dem Schritt in ein neues Leben.

Maria Fiedler
Endlich draußen. Einige Darsteller müssen abends zurück in den Knast. Foto: Paul Zinken
Endlich draußen. Einige Darsteller müssen abends zurück in den Knast. Foto: Paul Zinken

Ein Auge des Kalbskopfes soll Simplicissimus gestohlen haben. Den Küchenjungen des Armeeregiments könnte das teuer zu stehen kommen. Der General im ledernen Mantel lächelt gefährlich, breitet die Arme aus und schließt den Jungen übertrieben freundlich hinein. „Noch mal kommst du mir nicht davon“, zischt er ihm ins Ohr.

Der junge Simplicissimus heißt eigentlich Fayez. Wenn er nicht auf der Bühne steht und probt, sitzt er in der Jugendstrafanstalt ein. Schon mit elf Jahren galt er als Intensivtäter, drei Jahre später wurde er erstmals inhaftiert. Im Ensemble des Theaterstücks „Simplicissimus“ ist der heute 18-Jährige nicht der einzige mit krimineller Vergangenheit: Ein Drittel der 28 Mitwirkenden saß mal im Gefängnis oder tut es noch – allerdings als Freigänger.

Das freie Projekt „aufBruch“ inszeniert Theaterstücke mit Häftlingen. Finanziert wird das unter anderem vom Hauptstadtkulturfonds. Meist finden die Aufführungen innerhalb der Gefängnismauern statt. Das Stück „Simplicissimus“ allerdings hat am Mittwoch in der alten Feuerwache des ehemaligen Flughafens Tempelhof Premiere. Wenn sie „draußen“ spielen, muss der Freigang der Inhaftierten bis in die Nacht ausgedehnt werden.

Dass in der Produktion professionelle Schauspieler gemeinsam mit Laien proben, birgt nach Meinung von Regisseur Peter Atanassow großes Potenzial. „Die Laien bringen viel Spontanität und Unverbogenheit mit“, sagt er. „Da schaut ein Profi nicht ohne einen gewissen Neid drauf.“ Ihre Vergangenheit nutze den Laien oft, um ihre Rollen auszufüllen. Schließlich beschäftigt sich das Stück in großen Teilen mit Gewalt und Tod: „Simplicissimus“ spielt während des Dreißigjährigen Krieges und erzählt den Lebensweg eines Mannes, der jung von Soldaten verschleppt wird, es später zum Offizier bringt und mehrmals die Seiten wechselt.

„Simplicissimus ist ein Opfer, bevor er später selbst zum Täter wird“, sagt Fayez. Vor seinem Probenauftritt sitzt der 18-Jährige auf dem Fensterbrett im Umkleideraum, trägt ein blaues T-Shirt und eine silberne Halskette. Was er angestellt hat, will er nicht verraten. „Falsche Freunde, Mist gebaut“, sagt Fayez einsilbig. Insgesamt zwei Jahre hat er mit Unterbrechung abgesessen. Anfang dieses Jahres begann er in der Jugendstrafanstalt mit dem Theaterspielen. „Besser, als in der Zelle herumzusitzen, war das allemal“, sagt er. Zuvor habe er an manchen Tagen 23 Stunden in dem kleinen Raum verbracht. „Es hat gut getan, beim Theaterspielen Applaus zu bekommen. Da konnte ich endlich mal zeigen, dass ich mehr drauf hab’, als kriminell zu sein.“

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