Berlin : Gefangen im Netz des Terrors

Endstation Berlin: Der Politthriller des SPD-Politikers Horst Ehmke spielt vor dem Hintergrund des Krieges im Irak

Hella Kaiser

Wenn Politiker Bücher schreiben, geht es meistens sachlich und, nun ja, ein bisschen langweilig zu. Horst Ehmke aber mag es spannend. Vier Kriminalromane hat der Bundesminister a.D. und stellvertretende Vorsitzende der SPD bereits veröffentlicht. Nun liegt unter dem Titel „Im Schatten der Gewalt“ der fünfte vor. Schon auf der ersten Seite deutet sich an, dass hier ein Politthriller entwickelt wird. Denn Ich-Erzähler Kuhlmann, Leiter der Anti-Terror-Abteilung des Bundeskriminalamtes im Ruhestand, erfährt per Telefon vom Tod eines einstigen Mitarbeiters. Ausgerechnet Andreas Basler hat es erwischt. Jenen Mann, der immer ein bisschen schwieriger war als die übrigen, eine eigensinnige Natur, aber vielleicht genau deshalb so ein guter Polizist.

Basler hat Kuhlmann sein Tagebuch vermacht. Eine pfiffige Idee des Autors. Denn so versetzt er seinen Ich-Erzähler in die Lage, seinen einstigen Schützling besser kennen zu lernen und Baslers letzte Lebensmonate zu rekonstruieren. Und die haben es in sich: Als Basler, geprägt durch die APO-Zeit in Berlin, 1975 in den Polizeidienst eintrat, wollte er ihn „unterwandern“. Für ihn hieß das: Die Staatsgewalt sollte auf brachiale Härte verzichten und friedliche Konfliktlösungen anstreben. Zu dieser Überzeugung steht er auch noch, als Terroristen immer häufiger zuschlagen. Unter anderem in New York 1993, Daressalam und Nairobi 1998, New York 2001, Djerba, Mombasa, Bali 2002 und schließlich Madrid im Jahre 2004. Werden Terroristen auch Deutschland ins Visier nehmen? Und wie kann man es verhindern? Immer wieder diskutierte Basler mit seinem ehemaligen Chef über die Bedrohungen unserer Zeit. Kuhlmann fasst erinnernd zusammen: „Es ging um die Frage, ob der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus eigentlich noch eine normale Strafverfolgung ist oder nicht doch schon eine Art von Krieg.“ Um Bush und die Folgen des Irakkriegs geht es und auch darum, ob der Islam „gewaltbereiter“ ist als das Christentum.

Viel Aktualität und Ernst hat Horst Ehmke in diesen Krimi gepackt. Und musste sich zwischendurch wohl zwingen, auch ein paar locker-unterhaltsame Einsprengsel einzuflechten. Das allerdings geht ziemlich schief. So verliebt sich Ayse, Baslers türkische Freundin und Botschaftsangestellte, in ihre Kollegin Sara. Vielleicht ist es auch für andere Autoren nicht einfach, eine lesbische Liebesszene zu beschreiben. Ehmke jedenfalls kann es nicht und rettet sich nach schwülstigen Kuss- und Streichelszenen in den Satz: „In Sturm und Drang stolperten die beiden Frauen ins Schlafzimmer.“

Auch Berlin, jene Stadt, in die Basler mit dem BKA umzieht, bleibt blass. Mit Ayse bezieht er „eine großzügige Altbauwohnung im Bayerischen Viertel“, lässt sich nach einer Attacke in der Charité verarzten und später im Reha-Zentrum Gatower Havelhöhe pflegen. Das Paar unternimmt Bootstouren zum Müggelsee, Basler träumt davon, auf den Spuren Fontanes durch die Mark Brandenburg zu wandern. Bis es Schlag auf Schlag geht und Basler am Ende durch die Kugel eines Arabers stirbt. Was zuvor, im letzten Drittel und in den stärksten Passagen des Romans, geschehen ist, wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Es ist beängstigend. Fiktion ist immer dann gut, wenn sie reale Möglichkeiten spiegelt. Horst Ehmke zeigt nüchtern, wie sich die Spirale des Terrors weiterdrehen könnte. Und lässt die Leser tief beunruhigt zurück.

— Horst Ehmke: Im Schatten der Gewalt. Roman Edition q, be.bra Verlag Berlin. 220 Seiten, 17, 90 Euro.

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