Berlin : Gefeiert wird trotzdem

Nach dem frühen Tor der Spanier wurden die Fans immer stiller – aber sie gönnten den anderen den Sieg

Ach schade, es hat nicht gereicht. Und nun, welch ein Absturz der Gefühle. Erst euphorischer Überschwang, Siegesgewissheit, dann Trübsinn, Trauer, aber auch faire Anerkennung, dass der Sieg der anderen hochverdient war und den wenigen spanischen Fans in der Stadt der Triumph unbedingt zu gönnen war. Aber hatte unter denen, die auch in der zweiten Halbzeit an den Fantreffpunkten sich selbst noch Mut zujubelten, wirklich jemand an einen Sieg geglaubt? Nach dem Schock, den das frühe Tor der Spanier stadtweit ausgelöst hatte? Dennoch, vom Torstand mal abgesehen ein gelungener Abend – und dann wurde ja allerorten noch kräftig gefeiert, trotz alledem. Aus polizeilicher Sicht war es zudem ein erfreulicher Abend. Nur 17 Festnahmen bis Spielende, danach auch nichts, das auf einen unschönen Verlauf der Nacht hinwies. In Ruhe konnten all die später etwas wehmütig nach Hause trottenden Fans die Aufregung Revue passieren lassen.

AUF DER FANMEILE

Am Ende wollten sie alle ganz schnell nach Hause, mit hängenden Schultern, leerem Blick, nicht ohne noch ein paar anerkennende Sprüche über die spanische Mannschaft losgelassen zu haben. Nur wenige Fans in Rotgelb hatte hier der schwarzrotgoldenen Übermacht getrotzt. Mutige spanische Mädchen wie Maria und Esperanza zum Beispiel, die um so lautstärker ihre Mannschaft anfeuerten, je düsterer die Stimmung um sie herum wurde. Für alle Fälle hatten sie sich unverdächtige T-Shirts druntergezogen, um sich beim Sieg Spaniens nicht möglichen Leidenschaften der Verlierer auszusetzen. Angesichts der unfreundlichen Blicke und Worte, die sie im Verlauf der ersten 45 Minuten geerntet hatten, schien ihnen die Vorsicht nicht ganz unberechtigt, auch wenn dann alles friedlich blieb.

Um drohender Überfüllung vorzubeugen, hatten die Veranstalter offenbar auf das Prinzip Abschreckung gesetzt und schon kurz nach 17 Uhr verkündet, die Fanmeile sei geschlossen, was zu so früher Stunde wieder rund eine halbe Million umzäunter Fans bedeutet hätte. Wer sich von solchen Hiobsbotschaften nicht abschrecken ließ, kam aber selbst gegen 19 Uhr noch rein – und traf auf ein rein schwarzrotgoldenes Farbenmeer. Die Handvoll Spanier, die wohl da waren, hielten sich meist gut bedeckt.

IN DER SPANISCHEN BOTSCHAFT

Gut hundert Spanier hatten in der Botschaft ihres Landes an der Lichtensteinallee gebannt das Spiel verfolgt. Zum Schluss zählten sie die letzten Sekunden, sprangen auf, rannten zur Leinwand, umarmten sich, hüpften, tanzten, sangen „Olé, Olé, Olé!“ Schon nach dem Tor waren die Zuschauer kaum mehr zu halten gewesen, Rotwein und Sekt flossen in Strömen, die Frauen fächerten sich die Hitze aus dem Gesicht.

IN DEN KNEIPEN

Sie hatten so schön geübt, Menschenpyramiden, dreistöckig, Fangesänge wie „Uffta, uffta, täterää“, und sie hatten sich dicht um den einzigen Fernseher im „Saledor“-Imbiss gedrängt, im Bikinihaus an der Budapester Straße. Eine wilde, bier- und kornbeschwingte Stimmung beseelte dort die Fans, deutsche meist, unter die sich aber auch türkische und brasilianische Anhänger der Spanier gemischt hatten. So gab es beim Tor Spaniens Jubel und Entsetzen zugleich, eine nicht unproblematische Mischung, die sich denn auch bald in einer mittlere Keilerei entlud. Doch die Reaktionen mochten variieren, der Schock des Tores blieb doch überall in der Stadt derselbe, ob bei der Evangelischen Friedensgemeinde im Eichkamp, wo das familienreiche Publikum förmlich erstarrte, oder in der Eckkneipe „Lange Nacht“ in der Neuköllner Weisestraße, wo die Freudengesänge bald verstummten und man sich allenfalls noch durch „Lehmann, Lehmann“-Rufe aufzumuntern suchte. In der zweiten Halbzeit rafften sich die Schlachtenbummler in der Kneipe dann noch einmal auf, sangen die Siegeslieder der Verlierer, dass doch der Vizemeister viel besser sei als der erste Platz.

AUF DEM KURFÜRSTENDAMM

Während des Spiels wurden auch hier die Gesichter immer enttäuschter, die Anfeuerungsrufe jedoch immer lauter. Nach dem Abpfiff dann einen Moment betretene Stille, bevor die ersten Spanier mit „Olé, Olé!“ fahnenschwenkend über den für Autos gesperrten Ku’damm rannten. Schnell fingen sich die deutschen Fans und machten das Beste draus. „Menschenskinder, wir sind doch wenigstens die Zweiten“, rief einer am Kranzler - und hunderte schwenkten trotzig ihre Fahnen. Langsamer als sonst begann sich ein Autokorso zu formieren, die Party war nicht so ausgelassen wie sonst, aber sie fand statt, mit Verbrüderung, Fahnegeschwenke und allem Drum und Dran.

FANMEILE HEUTE

Heute geht die Party in die Verlängerung. Denn gegen 14.30 Uhr kommt dort das Team von Joachim Löw auf die Bühne, um sich bei den Fans für die Unterstützung zu bedanken. Ab 10 Uhr ist die Fanmeile geöffnet, dann beginnt bald das Programm, unter anderem mit den Gruppen „Die Fraktion“ und Stamping Feet sowie der Sängerin Kerstin Merlin. Den Auftritt der EM-Elf hatte Teammanager Oliver Bierhoff am Freitag angekündigt. Die Nationalmannschaft wolle sich wie bei der Weltmeisterschaft 2006 den Fans in Berlin zeigen, das sei ihr ausdrücklicher Wunsch gewesen. CD/C.v.L./loy/rni/tabu

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