Berlin : Gefühlte Geschichte

Gestern lief in Berlin der Film „Der Untergang“ an. Steglitzer Schüler sahen Hitlers Ende

Sebastian Bickerich

Der Kinosaal 1 im Titania-Palast in Steglitz ist gut gefüllt, als gestern um 10 Uhr in Berlin der erste Vorhang für Bernd Eichingers Film „Der Untergang“ aufgeht. Drei Schulklassen sind gekommen, aus der Paulsen-Oberschule in Steglitz. Neben den etwa 90 Schülern wollen rund 15 weitere Besucher den Film sehen.

Kichern. Popcornessen. Sich über Szenen in der Werbung und im Filmvorspann lustig machen. Die Jungs grölen wie immer etwas lauter als die Mädchen. Der Film beginnt. Das Rascheln der Popcorn-Tüten wird leiser. Schnitt ins zerstörte Berlin, 20. April 1945. Trümmer, Schreie, Blut, Leichen. Jetzt ist es still im Kino – bis zuletzt. „Wenn der Krieg verloren geht, dann kann auch das Volk verloren gehen“, schreit Hitler. Die Generäle schweigen. Man hat den Eindruck, manch einer im Publikum ist jetzt auch deshalb still, weil er ebenso ratlos, ebenso ausgeliefert scheint im Angesicht des Wahns, in dem Bruno Ganz den Diktator spielt.

Der Film geht seinem Ende entgegen, das Reich ist längst untergegangen. Magda Goebbels ermordet kalt und voller Seelenruhe nacheinander ihre sechs Kinder. Ein Mädchen im Publikum weint. „Das hat mich am meisten bewegt. Dieser Wahn...“ Pina, 16, ist fassungslos. „Mein Großvater hat mir viel aus dieser Zeit erzählt“, sagt sie. „Jetzt sehe ich die Bilder dazu. Mich macht das total fertig.“

Auch ihre Mitschüler sprechen sichtlich bewegt nach dem Ende des Films über ihre Eindrücke. Haben sie Angst davor, dass sich so etwas heute wiederholen kann? „In Deutschland glaube ich das eher nicht, aber vielleicht anderswo“, sagt Jonas, 15, und spricht über den Irak-Krieg: „Die Deutschen haben so viel Angst vor Krieg und davor, dass das alles zurückkehrt“, sagt er. Edgar Perlick ist da skeptischer. Der Geschichtslehrer der Paulsen-Oberschule muss sich nach dem Film erst einmal fassen. „Meine Eltern wurden durch den Krieg aus ihrer Heimat vertrieben. Ich bin Lehrer geworden, weil ich verhindern wollte, dass sich das jemals wiederholt“, sagt er. „Der Film und die Art und Weise, wie die Schüler mit ihm umgehen, bestärken mich zwar darin“, so der 51-Jährige. „Aber sicher sein kann man nie.“ – Lisa Marie hat vieles aus dem Geschichtsunterricht wieder erkannt. „Aber es wirkte so real, so anschaulich. Und dass Eva Braun Adolf Hitler noch geheiratet hat, das wusste ich nicht“, sagt die 16-Jährige. Michel, 15, hatte auf der letzten Klassenfahrt die Idee dazu, den Film anzuschauen. „Ich wäre auf jeden Fall auch so hineingegangen“, sagt er.

„Letztendlich wird man das Phänomen Adolf Hitler nie verstehen können“, sagt Günter Rahn, 67. Der Bochumer erinnert sich gut an das Kriegsende. „Da bleibt eine eigenartige Faszination. Sind die Deutschen denn einfach nur einem Narren hinterhergelaufen?“

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