Berlin : Gegen Arbeitslosigkeit": "Profiling" im Minutentakt

Sigrid Kneist

Kunden wie Manja O. mag der Arbeitsvermittler. Die junge Frau hat sich soeben beim Arbeitsamt gemeldet; noch ist sie nicht arbeitslos, aber ihre Kündigung hat sie schon in der Tasche. "So zeitig kommen die wenigsten", sagt Jörg Drescher. Seine Kunden sind die Arbeitslosen - so heißt es eben im Arbeitsamt. Seit vier Jahren arbeitet der Mann mit den raspelkurzen Haaren im modischen grauen Anzug beim Arbeitsamt Süd in der Sonnenallee, das zuständig für Neukölln und Treptow"/"Köpenick ist und in seiner Klientel aufgrund der Sozialstruktur viele schwere Fälle hat. Allein in diesen beiden Berliner Bezirken gibt es derzeit knapp 48 000 Arbeitslose.

Die Zeit zwischen Kündigung und Eintritt in die Arbeitslosigkeit wird im Fachjargon "Aktionszeit" geannt. Bereits zu diesem Zeitpunkt wollen die Arbeitsämter aktiv werden. Vielleicht können sie schon eine Weiterbildung anbieten oder gar ein Arbeitsangebot unterbreiten und damit die Arbeitslosigkeit ganz vermeiden. Durch das neue Job-Aktiv-Gesetz, das zum Jahresanfang in Kraft trat, soll jetzt auch die Förderung bereits der von Arbeitslosigkeit bedrohten Personen verbessert werden. Man will erreichen, die Zeit der Arbeitslosigkeit von Anfang an so kurz wie möglich zu halten. Das soll natürlich die Kosten senken. Wenn bundesweit die Beschäftigungslosigkeit um eine Woche verkürzt werden könnte, wäre eine Milliarde Mark zu sparen. Eines der Kernstücke der Vermittlungsoffensive des Job-Aktiv-Gesetzes ist das so genannte Profiling. Dabei sollen direkt zu Beginn der Arbeitslosigkeit Stärken und Schwächen des Betroffenen analysiert werden, damit man genau sehen kann, wie man einen Arbeitslosen passgenau vermitteln oder bei Bedarf weiter fördern kann.

Die Theorie klingt gut, in der Praxis sieht alles schon wieder anders aus. Dann sitzen am Vormittag auf dem Flur im dritten Stock bei Dreschers Team bis zu 100 Leute, die alle in dieser Abteilung vorsprechen wollen. Viel Arbeit für vier Arbeitsvermittler. Für jeden bleiben eigentlich nur ein paar Minuten. Ein richtiges Profiling nimmt aber alles in allem eine gute Dreiviertelstunde in Anspruch. Wo die Zeit dafür herkommen soll, kann Drescher sich nicht so richtig vorstellen. Die Statistiken sprechen für sich: Auf einen Arbeitsvermittler kommen in der Regel bis zu 1000 Arbeitslose. Da ist es schon eine Erleichterung, dass über das Job-Aktiv-Gesetz das Landesarbeitsamt Berlin und Brandenburg in diesem Jahr gut 300 zusätzliche Stellen für die Arbeitsvermittlung erhält, von denen allerdings rund 100 bei freien Trägern angesiedelt sind. Dort, abseits der normalen Arbeitsamtsroutine, wird es laut Drescher eher möglich sein, dass sich die Vermittler die notwendige Zeit nehmen können.

Manja O. hat an diesem Vormittag Glück; nur wenige der Stühle im Wartebereich sind besetzt. Der Arbeitsvermittler hat Zeit, kann sich also anhören, welche Qualifikationen die Bürokauffrau mitbringt, und mit ihr gemeinsam überlegen, welche Maßnahmen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern. Drescher fragt nach einem standardisierten Schema die bisherigen Berufserfahrungen und erworbenenen Fähigkeiten ab: Computerkenntnisse? Umgang mit Besuchern? Rechnungswesen? Fremdsprachen? Schnell stellt sich heraus, dass Manja O. gerade bei der Arbeit mit dem Computer erhebliche Wissenslücken hat. In Word und Excel, zwei Basisprogrammen für Büros, ist sie nicht wirklich firm. "Mein Englisch ist auch nicht so gut", schätzt die 21-Jährige ihre Fremdsprachenkenntnisse ein. Sie hatte vorher in einem kleinen Büro gearbeitet, in dem viele Kenntnisse nicht gefragt waren. Auch das Gestalten von Abrechnungen gehört nicht gerade zu ihren professionellen Stärken.

Drescher bietet ihr sofort eine Trainingsmaßnahme an, drei Monate EDV und Rechnungswesen. Die Kosten in Höhe von 3000 bis 4000 Mark trägt das Arbeitsamt. In wenigen Tagen könnte Manja O. dort anfangen: "Da sind noch Plätze frei." "Klingt gut", sagt sie. Vielleicht aber braucht sie das Training gar nicht mehr. Sie erzählt dem Arbeitsvermittler von einem Vorstellungstermin in München, der in ein paar Tagen stattfinden soll, und fragt, ob das Arbeitsamt die Kosten übernimmt. Da die EDV gerade streikt, sichert Drescher ihr zu, den Reisekostenantrag zuzuschicken, sonst hätte sie diesen sofort mit nach Hause nehmen können. Zudem weist er die junge Frau auf einen weiteren Termin hin. Bei diesem wird über die "Stellenmarktoffensive" informiert, einer Publikation, in der sich Arbeitssuchende mit ihren Qualifikation eintragen lasen können. "Datenschutz ist garantiert, läuft alles über Chiffre", sagt Drescher. Manja O. sichert zu, hinzugehen.

Damit die Verabredungen verbindlich werden, schließen Drescher und Manja O. nach Abschluss des Profiling eine "Wiedereingliederungsvereinbarung", so sieht es das Job-Aktiv-Gesetz vor. Die Vereinbarung läuft darauf hinaus, dass die junge Frau in drei Wochen ihrem Arbeitsvermittler erklären muss, welche Schritte sie bislang unternommen hat. Jetzt gilt für Manja O. aber erstmal: "Alles sacken lassen."

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