Berlin : Gegen Counterstrike helfen keine Schnellschüsse

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Von Viola Volland

Schöneberg. Die Zigarette hängt lässig in Kenans Mundwinkel. Lang ist die Glut. Der 18-Jährige braucht seine Hände – die Linke für die Tastatur, die Rechte für die Maus. Kenan spielt „Counterstrike“, genauso wie ungefähr 20 andere Spieler im „Web Cocktail Internet Café“ in der Hauptstraße in Schöneberg auch. Das Spiel, das seit dem Amoklauf von Erfurt in Verruf geraten ist. Kenan nervt das. „Es gibt viel schlimmere Spiele“. Sagt’s und drückt ab: Die Pistole im Vordergrund des Bildschirms ist ständig im Einsatz.

Neben Kenan sitzt Steve. Steve ist erst elf. Die Schirmmütze auf dem Kopf, ist sein Blick starr auf den Bildschirm gerichtet. Angespannt sitzt er da, lehnt sich erst zurück, als er stirbt – im Spiel. Irgendjemand der anderen zwanzig Jugendlichen im Raum hat ihn „getötet“. Denn alle Computer im „Web Cocktail“ sind miteinander vernetzt – man spielt in Teams mit- beziehungsweise gegeneinander. Im Englischen nennt man solch ein Netzwerk ,local area network’ – oder kurz: LAN.

Das „Web Cocktail“ ist nach Schätzungen des Landeskriminalamtes einer von ungefähr 100 LAN-Läden in Berlin, in denen Netzwerkspiele wie „Counterstrike“ angeboten werden. Ungewöhnlich ist die Helligkeit in dem Internet-Café. Anders als sonst üblich, sind die Fenster nicht verdunkelt. „Wir wollen, dass auch normale Kunden kommen“, erklärt Besitzer Roland Böttiger. Die Sonne scheint Steve ins Gesicht. Ob er bei solch einem Wetter nicht lieber draußen spiele? „Ich bin immer drinnen“, antwortet der 11-Jährige. Steve spielt schon seit ungefähr eineinhalb Jahren „Counterstrike“. Es sei eines seiner Lieblingsspiele. Einen Euro kostet ihn der gewalttätige Spaß im „Web Cocktail“ pro Stunde. Was seine Eltern dazu sagen würden? „Mein Vater ist tot. Meine Mutter findet’s zwar nicht gut, aber weil es so ’in’ ist, erlaubt sie’s“, sagt Steve. Auch Murats Eltern wissen, dass er gerade im Web Cocktail „Counterstrike“ spielt. Ihre Einverständniserklärung hat der 13-Jährige in der Hosentasche. Und nicht nur er: Auf „ein paar Hundert“ schätzt Böttiger die Zahl der Minderjährigen, die regelmäßig zu ihm kommen.

Eigentlich ist das Spiel erst für Jugendliche ab 16 Jahren erlaubt. Mithilfe der Einverständniserklärungen wollen sich die Besitzer von LAN-Läden wie Böttiger rechtlich absichern. „Das geht nicht“, betont Angelika Schoettler, die Bezirksstadträtin für die Abteilung Jugend, Familie und Sport Tempelhof-Schöneberg. „Eltern können sich nicht per Unterschrift über Altersgrenzen hinwegsetzen“, stellt die SPD-Politikerin klar. Im Land Berlin wird derzeit heftig diskutiert, die LAN-Läden unter Jugendschutz zu stellen. Minderjährige hätten dann keinen Zutritt mehr. Dafür müssten die Internet-Cafés allerdings zunächst als Spielhallen deklariert werden – und zwar von den Gewerbeämtern der Bezirke. Eine diffizile Geschichte. Da soll es nicht zu Schnellschüssen kommen. „Es geht nicht darum, generelle Verbote auszusprechen“, betont Christiane Wildner von der Jugendförderung Lichtenberg. Im Einzelnen würde nun geprüft werden, bei welchem Internet-Café es sich auch um eine Spielhalle handle. Die Kriterien hierfür würden derzeit vom Jugend- und Gewerbeamt gemeinsam erarbeitet. Ähnliche Statements sind aus Friedrichshain-Kreuzberg, Reinickendorf, Spandau, Steglitz-Zehlendorf, Treptow-Köpenick und Charlottenburg-Wilmersdorf zu vernehmen. „Die Dinger werden abgeklappert“, sagt Anke Otto, die Bezirksstadträtin Jugend, Gesundheit, Umwelt von Steglitz-Zehlendorf. „Vor Jahren haben wir die Läden schon geprüft,“ sagt der Bezirksstadtrat von Neukölln Thomas Blesing. Die Kontrollen der Internet-Cafés gestalteten sich schwierig. „Wir befinden uns in einer gewissen Grauzone“, schildert der SPD-Politiker das Problem. Gerade bei „Counterstrike“ hätten sie „keinerlei Eingriffsmöglichkeit.“ Denn das Spiel steht nicht auf der Liste indizierter Spiele. „Eigentlich kann man da fast gar nichts machen“, sagt auch Klaus Kalb von der Jugendförderung Pankow. Bezirksstadtrat Reinhard Naumann aus Charlottenburg-Wilmersdorf sieht deshalb nicht nur den Staat, sondern gerade auch die Eltern in der Verantwortung. Dass es auch anders geht, zeigt sich am Beispiel Mitte. Dort sind Mitarbeiter des Bezirksamts und der Polizei Ende Juni gegen zwei Internet-Cafés in Moabit vorgegangen. Die Finanzbeamten sahen es als erwiesen an, dass es sich um Spielhallen handelte und erließen Vergnügungssteuerbescheide in Höhe von 23 000 bzw. 46 000 Euro. Gegen beide Besitzer wurde Strafanzeige wegen Verstoßes gegen den Jugendschutz gestellt.

Zurück im „Web-Cocktail“. Steve ist zufrieden. Gerade hat er „zwei Stück“ mit Messer und Schusswaffe getötet. „Das macht süchtig“, sagt Kenan. „Schau dir den an“, deutet der 18-Jährige auf Steve – und der schweigt dazu. Von den hinteren Konsolen hört man eine grölende Stimme: „Komm her, ich messer dich, Alter!“ Lautes Lachen: „Dadadadadadaaaaa!“

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