Berlin : Gegen die „große Gehirnwäsche“

Wie sich Oskar Lafontaine über die Philosophie des Neoliberalismus in Rage redete

Thomas Loy

Oskar wundert sich nicht mehr. Oskar weiß, dass sie es nicht besser wissen können, die Genossen an der Macht. "Bist du auch beschimpft worden, dass ihr mich eingeladen habt?" Klaus Eisenreich von der sozialdemokratischen "Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen" winkt ab. Wofür wird man als SPD-Mann nicht alles beschimpft in diesen lausigen Zeiten. Jetzt eben, weil sie Oskar Lafontaine eingeladen haben, den linken Dissidenten und Besserwisser. Der SPD-Landesvorstand habe sich geweigert, für den Lafontaine-Auftritt in den "Tegeler Seeterassen" auch nur einen müden Euro lockerzumachen, erzählt Eisenreich. Das Verhältnis zwischen dem gewerkschaftsnahen Arbeitnehmerflügel und dem Rest der Berliner SPD ist offenbar arg zerrüttet.

Lassen wir das jetzt. Oskar fängt an zu reden, ist erstmal nervös, fuchtelt am Anzug herum, lässt mit süßer Ironie die Genossen vom Landesvorstand grüßen und ist – zack – gleich beim Stich- und Hiebwort eines jeden Gewerkschafters angekommen: Neoliberalismus. Oskar sagt: "Philosophie des Neoliberalismus". Die sei nicht nur untauglich, sondern habe auch fast ganz Deutschland infiziert, inklusive SPD und Gewerkschaften. Eine „große Gehirnwäsche" habe da in den vergangenen Jahren um sich gegriffen, eine „Propagandawelle" sei über uns hereingebrochen, unterstützt von „rechtsliberalen" Magazinen wie "Focus" und "Spiegel". Oskar hat zum Beweis zwei Titelblätter mitgebracht, die Schröder als Bremser und Gewerkschaftskanzler brandmarken. In seinen Augen eine klare Propagandalüge. Niemand solle merken, dass vom vielen Sparen und Liberalisieren allenfalls die großen Konzerne etwas haben, deren Vorstände sich dazu noch "bereichern".

Oskar penetriert seine Stimmbänder, tänzelt hinter dem Rednerpult, greift mit ausgestreckten Armen nach seinem Publikum, redet sich in Wallung. Die freie Rede erreicht ihren dramatischen Höhepunkt. "Wer angesichts solcher Füllhörner für die Reichen bei den Arbeitslosen kürzt, handelt unverantwortlich." Oskar brüllt jetzt, und der ganze Saal applaudiert begeistert.

Natürlich, da ja "alles ineinandergreift", kommt Oskar um den bevorstehenden Krieg im Irak nicht herum. Damit wolle die US-Waffenindustrie nur ihr „altes Material" loswerden. Neben US-Präsident Bush nimmt Oskar auch CDU-Frontfrau Merkel ins Visier. „Wenn Merkel ihre Familie in Bagdad hätte, würde sie nicht so quatschen." Nach einer Stunde gibt er das Mikrofon frei und reiht sich abgekämpft unter die Genossen. „Schönen Dank, Oskar", sagt Eisenreich. Und: "Das war Öl auf die geschundenen Seelen der Arbeitnehmer."

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