Gegen die Tristesse : Berlin, dein Winter ist ein Spaß

Zum Mythos der Stadt gehört die Gewissheit, dass die kalte Jahreszeit in Berlin schrecklich ist, trist, grau und öde. Aber stimmt das auch? Hier kommen die Gegenargumente.

von und Karl Grünberg
Eis! Übers Wasser laufen können manche Menschen auch bei Plusgraden. Aber nur sehr wenige.
Eis! Übers Wasser laufen können manche Menschen auch bei Plusgraden. Aber nur sehr wenige.Foto: dpa

Nehmen wir zum Beispiel Freiburg. Wobei, nein, das ist unfair: Berlin mit dieser sattwarmen Super-Sonnen-Metropole im äußersten Südwesten des Landes zu vergleichen, das wäre ja, als würde man Hertha ernsthafte Chancen gegen den FC Bayern ausrechnen und sich hinterher wundern, dass doch wieder alles so ist, wie es immer ist.

Wie wäre es stattdessen mit Köln? Das passt doch viel besser als Vergleich – um erst einmal zu erklären, wie Berlin in den Ruf geraten ist, im Winter ein besonders trostloser Ort zu sein. Schließlich ist Köln auch eine Millionenstadt, eine noch gräulicher verbaute als Berlin zumal, die ebenfalls zur heillosen Selbstüberschätzung neigt. Aber die Stimmung in der dunklen Jahreszeit ist eindeutig besser. Warum?

Kommen Sie mir jetzt nicht mit Karneval! Wir wollen Ursachen finden, keine Symptome. Viel interessanter als die 200 Jahre alte Neigung schnauzbärtiger Männer, drei Monate im Jahr in napoleonisch angehauchten Fantasieuniformen rumzurennen, ist doch die jahrmillionenalte Neigung der Sonne, im Westen später unterzugehen als im Osten.

Sogar Moskau hat länger Sonne als Berlin

Gut, in der Zeit vor einheitlich gültigen Uhrzeiten hat man das nicht so gemerkt, heute aber macht es den Unterschied. Ein Beispiel: Geht die Sonne in Köln am 21. Dezember, dem kürzesten Tag des Jahres, erst um 16.28 Uhr unter, ist sie in Berlin schon seit 15.54 Uhr verschwunden. Damit sind die Verhältnisse hier fast so schlimm wie in Warschau (15.25 Uhr) oder Helsinki (15.13 Uhr) – Moskau ist sogar besser dran (15.58 Uhr), der anderen Zeitzone sei Dank. Dass man dafür in Berlin morgens ab 8.15 Uhr 18 Minuten mehr Sonne hat als die Kölner – wen interessiert’s auf dem Weg ins Büro!

Weihnachtsmärkte! Gebrannte Mandeln, Zuckerstangen, Lebkuchenherzen – wer schreibt eigentlich vor, dass das nur im Winter schmeckt? Keiner. Stimmt aber.
Weihnachtsmärkte! Gebrannte Mandeln, Zuckerstangen, Lebkuchenherzen – wer schreibt eigentlich vor, dass das nur im Winter...Foto: Getty Images/iStockphoto

Wie daraus ein Mentalitätsunterschied werden kann, illustriert das folgende Beispiel: Während der Kölner Verwaltungsbeamte am Ende eines langen Arbeitstags Punkt 16 Uhr mit einem munteren „Wenn de Sonn schön schingk...“ vor das Bürgeramt tritt, herrscht im Leben des Berliner Kollegen eine Lichtstimmung wie in den entlegeneren Ecken des Berghains. Nur dass es draußen nicht so gemütlich warm ist, sondern immer eher frostig.

Noch einmal der Vergleich: 8,9 Grad Temperaturmittel am Flughafen Köln-Bonn im Dezember 2015 stehen 7,5 Grad in Tegel gegenüber. Beides nicht wirklich kalt, aber entscheidend ist: In Berlin ist es, der kontinentalen Ostlage wegen, immer ein bisschen schlimmer als anderswo in Deutschland.

Das spürt auch unser Verwaltungsmann. Der begegnet am Morgen nach düster-kaltem Feierabend mit akutem Melatoninüberschuss und ergo schlecht gelaunt den Kunden des Bürgeramts. Die gehen entsprechend grantig ihrer Wege und verbreiten ihrerseits miese Stimmung. Ein Teufelskreis? Eher ein Schneeballeffekt!

Die Tristesse wird auch noch herbei gesungen

Die Folge der allgemeinen schlechten Laune ist nicht zuletzt die Verselbständigung der Berliner Wintertristesse als popkultureller Mythos: „Berlin, dein Winter ist kein Spaß“, liedermachte vor Urzeiten das Duo Pannach & Kunert. Ein Zitat: „Ich sitz allein hier und frier. / Von meiner Bude kennt der Wind / die Ritzen in jeder Tür“ – womit eine weitere Ursache für das Empfinden des Berliner Winters als besonders grausam genannt wäre: Großstadtsingledasein in schlechter Bausubstanz. „Im Sommer tust du gut und im Winter tut’s weh“ – dass Seeeds „Dickes B“ seit nunmehr 15 Jahren bei jeder Dorfdisco der deutschen Landjugend eine negative Haltung zum Stadtwinter vermittelt, macht sie gewiss nicht offener für die Reize des Berliner Winters. Der dann, sobald man zum Studieren nach Berlin zieht, prompt benörgelt wird.

Stricken! Funktioniert auch am Strand. Sieht man aber selten. Wird seinen Grund haben.
Stricken! Funktioniert auch am Strand. Sieht man aber selten. Wird seinen Grund haben.Foto: Getty Images/iStockphoto

Zum Pop kommt die Folklore: Als Klaus Wowereit anno 2010 seine über Eisplatten schlingernde Bevölkerung nicht mit einem Sondertopf für Schneefräsen beglückte, sondern mit der Einschätzung, Berlin sei immerhin nicht Haiti, schaffte er ganz nebenbei auch folgendes: Deutschlandweit wusste man nun, dass diese Stadt zu extremeren Formen des Winterchaos neigt – auf der Straße und in den Köpfen ihrer Verantwortungsträger.

Eventuell auch eine Folge davon: Gäste bleiben im Winter fern, zumindest ferner als zu anderen Jahreszeiten. Laut IHK-Tourismusreport kamen im Dezember, Januar und Februar des vergangenen Winters nur jeweils knapp 940.000, 766.000 beziehungsweise 851.000 Besucher in die Stadt. Alle anderen Monate waren zuletzt immer siebenstellig. Gegen den Berliner Winter helfen also weder Silvesterbums am Brandenburger Tor noch Berlinale.

Schmerz lass nach

Hier allerdings zeigt sich schon ein Ansatz, die Dinge ganz anders zu sehen, die Umdeutung zu wagen, die der großartige Berliner Winter so dringend braucht! Denn wie schön ist die Stadt doch, wenn sie – vorübergehend – nur denen gehört, die in ihr leben! Wie schön ist ein Radweg ohne schlingernde Horden auf Mietfahrrädern, wie würdevoll ein Museum ohne rempelnde Bauchbeutelträger, die „heimlich“ Selfies machen!

Das stört Sie alles nicht? Nun, die Menschen sind verschieden. Auf den folgenden Seiten würdigen daher unterschiedlichste Menschen die unterschiedlichsten Reize des Berliner Winters - am Ende gibt es auch noch ein paar hilfreiche Tipps gegen den Winterblues. Und sollte da für Sie trotz allem nichts dabei sein, dann hilft vielleicht dieser Gedanke: Es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt. In circa fünf Monaten ist es wieder soweit.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben