Berlin : Gegen die Zigarette setzt Berlin auf Appelle

Nirgends in Deutschland wird so viel gequalmt Nichtraucherbund hofft auf gesetzliche Regeln

Annette Kögel

Berlins Nichtraucher blicken höchst interessiert nach Spanien – wo seit der Jahreswende ein weit reichendes Rauchverbot in der Öffentlichkeit gilt. „Wir wünschen uns Verhältnisse wie in Spanien, aber leider setzt Deutschland immer noch auf das Prinzip Freiwilligkeit. Damit kommt man aber auch in Berlin nicht weit“, sagt Wolfgang Behrens, Vorstand des Nichtraucherbundes Berlin. In zahlreichen europäischen Ländern – unter anderem Spanien, Italien, Schweden, Finnland, Norwegen – ist das Qualmen am Arbeitsplatz, in Einkaufszentren und Theatern verboten. In Berlin sind zwar auch viele Rathäuser und Behörden schon rauchfrei, nach nichtraucherfreundlichen Restaurants und Cafés aber muss man noch suchen.

Kein Wunder: Berlin ist deutsche Raucherhauptstadt. In keiner anderen Großstadt wird so viel Teer, Nikotin und Feinstaub aus der Zigarette inhaliert wie hier: Rund 33 Prozent der Berliner zünden sich Kippen an, deutschlandweit beträgt der Anteil der Raucher 27,4 Prozent – weit mehr als zwei Drittel der Deutschen sind also Nichtraucher. Mädchen greifen längst früher nach der Zigarette als Jungen. Im Schnitt raucht jeder zweite Schüler, Hauptschüler mehr, Gymnasiasten weniger. Die 20- bis 40-Jährigen stellen den höchsten Anteil unter Rauchern. „Von uns aus können die Leute rauchen, wie sie wollen, das Problem ist nur, wenn einer raucht, werden die Nichtraucher in seiner Umgebung zu Passivrauchern“, sagt Behrens. Er verweist darauf, dass in Berlin allein 1700 Menschen im Jahr an Lungenkrebs sterben – eine der häufigsten Folgen des Rauchens.

Um den Berlinern solche Zahlen vor Augen zu führen und die Prävention zu stärken, verfolgt die Verwaltung von Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei/PDS) seit 2004 und noch bis 2007 das Programm „Berlin qualmfrei“ mit diversen Infokampagnen und Wettbewerben. Modellcharakter in Berlin hat der Bezirk Steglitz-Zehlendorf mit dem preisgekrönten Nichtraucher-Lobbyisten Johannes Spatz vom „Forum Rauchfrei“. Seine Initiative vergibt etwa „Nichtraucher-Sterne“ an Krankenhäuser und setzte durch, dass Kita-Erzieherinnen zum Schutz der Kinder zum Rauchen vor die Tür treten müssen. Auf Kinderspielplätzen im Bezirk stehen „Rauchen verboten“-Schilder. Berlins Lehrerzimmer sind inzwischen Nichtraucherzonen. Ob und wo im Rathaus, in Senatsverwaltungen Aschenbecher stehen, bleibt aber jeder Behörde selbst überlassen. Interne Vereinbarungen zum Nichtraucherschutz am Arbeitsplatz, den die Arbeitsstättenverordnung vorschreibt, gibt es in den Bezirksämtern Reinickendorf, Lichtenberg und Neukölln. Auch bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte gehen Mitarbeiter zum Qualmen vor die Tür.

Die Druckfirma „Laserline“ in Mitte stellt bevorzugt Nichtraucher ein, „ursprünglich deshalb, weil wir mit technischen Geräten arbeiten, die auf Feinstaub reagieren“, sagt Personalchef Christian Luther. Es gibt sogar Gratis-Entwöhnseminare. Wer sich verpflichtet, auch in der Freizeit nicht zu qualmen, bekommt 100 Euro extra. Einer der Mitarbeiter war aber erwischt worden. Da rauchte der Firmenleitung der Kopf – der Mann ging vor Gericht und verlor.

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