Berlin : Gegen die Zwangsvereinigung

Vor 60 Jahren wehrte sich die Berliner SPD gegen eine Fusion mit der KPD. Gedenkveranstaltung in der Zinnowwald-Schule

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Es war die Nachricht des Tages: „82 Prozent gegen Verschmelzung“, titelte der Tagesspiegel am 2. April 1946. Damit war das Ergebnis der Urabstimmung gemeint, an dem sich in West-Berlin 23 755 Sozialdemokraten beteiligt hatten. Nur 2937 SPD-Mitglieder wollten mit der KPD zu einer neuen sozialistischen Arbeiterpartei vereinigt werden. Im Ostsektor Berlins war die Abstimmung von der sowjetischen Militärführung verboten worden.

„In diesen geschichtlich bedeutsamen Frühlingstagen erlebt die Sozialdemokratie ihre Wiedergeburt“, erklärte der parteiinterne Wahlausschuss nach der Abstimmung. Wenige Tage später, am 7. April 1946, formierte sich die SPD im Westen Berlins neu – auf einem Parteitag in der Zehlendorfer Zinnowwald-Schule. Von den Befürwortern der „Einheit der Arbeiterklasse“, deren Wortführer Otto Grotewohl war, wurden sie als „Zehlendorfer Waldclub“ verspottet.

Im Tagesspiegel und im Rias, dem legendären „Rundfunk im amerikanischen Sektor“, hatte dieser Waldclub rechtzeitig vor der Urabstimmung stimmkräftige Sprachrohre gefunden. „Dieses Engagement bleibt unvergessen“, sagt der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz, der 1946 in die SPD eintrat. Er wird heute in jener Zinnowwald-Schule, die immer noch Schule ist – musisch und sportlich betont –, zum 60. Jahrestag des historisch wichtigen SPD-Parteitages eine Festrede halten. Hubertus Heil, Generalsekretär der Bundes-SPD, wird auf der Gedenkveranstaltung in der Aula ein Grußwort beisteuern.

Schütz erinnert daran, welche hohen Ansprüche der Tagesspiegel damals an die Berliner SPD stellte. „Hoffentlich finden die Sozialdemokraten, die heute ihre organisatorische Autonomie proklamieren, auch zu jener geistigen Autonomie, die es ihnen gestattet, jene typenbildende Kraft auf politischem Gebiet zu erzeugen, auf die Deutschland künftig so bitter angewiesen ist“, stand im Leitartikel auf der zweiten Seite. Die SPD habe es versucht, resümiert Schütz. „Von Zeit zu Zeit auch mit Erfolg.“

Wenig bekannt ist, dass auf dem Urabstimmungszettel eine zweite Frage stand, die damals mehrheitlich mit Ja beantwortet wurde: „Bist du für ein Bündnis beider Parteien, welches gemeinsame Arbeit sichert und Bruderkampf ausschließt?“ Im Frühjahr 1946 hätte wohl kein Sozialdemokrat vermutet, dass 56 Jahre später ein solches – nicht ganz vergleichbares – Bruderbündnis die Regierung in Berlin übernehmen sollte.

Damals überwog der Bruderkampf. In einem Brief an den Parteitag kritisierte Paul Löbe, sozialdemokratischer Reichstagspräsident in der Weimarer Republik (und Alterspräsident des ersten Deutschen Bundestages), die Drangsalierung missliebiger SPD-Funktionäre im Ostsektor. „Wer wird der Nächste sein? Darin kann ich einen Weg zur Einigung nicht sehen.“ Es war drangvoll eng in der Zinnowwald-Schule, und die Genossen tagten – ohne Fahnen, ohne Gesänge – unter den wachsamen Blicken von Vertretern der vier Siegermächte. Die SPD, so ein Beobachter, sei zur „traditionellen Schlichtheit“ zurückgekehrt. za

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