Gegen Experten-Rat : Senat verkürzte die Bauzeit für Staatsoper

Fachleute hatten für die Sanierung der Staatsoper fünf Jahre veranschlagt, der Senat verkürzte die Bauzeit der Spielstätte Unter den Linden aber auf drei Jahre. Damit wurde das Projekt zum Wagnis.

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Aufgeschüttet. Die Risiken im Baugrund der Staatsoper sind selbst für Berliner Verhältnisse besonders hoch. Arbeiter fanden unerwartet Holzpfähle in 17 Meter Tiefe, einen Stahlträger und einen Tresor.
Aufgeschüttet. Die Risiken im Baugrund der Staatsoper sind selbst für Berliner Verhältnisse besonders hoch. Arbeiter fanden...Foto: dpa

Das Desaster bei der Sanierung der Staatsoper Unter den Linden war vorauszusehen. Die geplante Bauzeit wurde von ursprünglich fünf auf drei Jahre verkürzt, obwohl Fachleute auf die damit verbundenen erheblichen Risiken hingewiesen hatten. Die drastische Straffung der ursprünglichen Planung erfolgte in enger Abstimmung mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD).

Wie die Senatskanzlei auf Anfrage bestätigte, war bei einem Spitzengespräch zwischen Wowereit und der damaligen Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) im Jahr 2008 der Zeitplan für die Staatsoper-Sanierung besprochen worden. Dabei sei auch über die Verkürzung der Sanierungszeit von ursprünglich fünf auf drei Jahre diskutiert worden. Das Ensemble um Generalmusikdirektor Daniel Barenboim habe „so schnell wie möglich an seine angestammte Spielstätte zurückkehren wollen“, sagte Vize-Senatssprecher Bernhard Schodrowski. Wowereit habe jedoch lediglich „diesen nachvollziehbaren Wunsch des Nutzers geäußert“. Das „letzte Wort“ hätten die Fachleute der Bauverwaltung gehabt.

„Auch eine Bauzeit von drei Jahren wurde damals als möglich angesehen, aber eben verbunden mit höheren Zeit- und Kostenrisiken“, hieß es bei der Bauverwaltung. Diese Risiken seien deutlich gemacht worden. „Nach damaligen Kenntnisstand hat die frühere Hausleitung das dann so mitgetragen“, sagte eine Sprecherin von Senator Michael Müller (SPD). Senatorin war damals Ingeborg Junge-Reyer (SPD); als Senatsbaudirektorin amtierte auch damals schon Regula Lüscher. Junge-Reyer war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Sanierung der Staatsoper Unter den Linden
Große Baustelle. Die Sanierungsarbeiten an der Staatsoper Unter den Linden sind schon lange nicht mehr im ursprünglichen Zeitplan.Weitere Bilder anzeigen
1 von 27Foto: dapd
09.02.2013 14:47Große Baustelle. Die Sanierungsarbeiten an der Staatsoper Unter den Linden sind schon lange nicht mehr im ursprünglichen Zeitplan.

Nach wiederholten Verzögerungen wird die Sanierung nun voraussichtlich doch fünf Jahre dauern. Auch die Kosten werden 46 Millionen Euro mehr betragen, ursprünglich waren 242,3 Millionen Euro veranschlagt worden. Der Bund steuert nach den damaligen Abmachungen 200 Millionen Euro bei und will seinen Anteil an den Gesamtkosten jetzt nicht erhöhen. Dies setzt auch Senatsbaudirektorin Regula Lüscher unter Druck, die vor einem halben Jahr noch ausgeschlossen hatte, dass es zu einem solchen Kostenanstieg kommen könne.

Dabei sind die Risiken im Baugrund der Staatsoper selbst für Berliner Verhältnisse besonders hoch. Denn das 1741 errichtete Opernhaus steht auf dem erst wenige Jahre zuvor zugeschütteten Wassergraben der früheren Berliner Stadtbefestigung. Dieser Graben ist in historischen Stadtplänen markiert und in einer aktuellen Baugrund-Karte der Stadtentwicklungsverwaltung als ein „durch Auffüllung und Ausschachtung vollkommen verändertes Gelände“ markiert. Ein auf die Berliner Mitte spezialisierter Tiefbauexperte sagte dem Tagesspiegel, dass ein zugeschütteter Graben oft instabil und deshalb als Baugrund sehr schwierig sei. Als Schutz vor späteren bösen Überraschungen gilt eine möglichst detaillierte Vorab-Untersuchung des Baugrundes. Ein auf solche Gutachten spezialisierter Geologe sagte, dass manche Bauherren versuchten, an diesen aufwendigen und deshalb teuren Expertisen zu sparen. Allerdings betonten mehrere Fachleute auch, dass solche Gutachten für Bestandsgebäude besonders kompliziert seien, weil der Platz für Probebohrungen fehle.

Bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hieß es auf Anfrage: „Selbstverständlich gab es umfangreiche Probebohrungen und Untersuchungen des Baugrunds.“ Unerwartet seien jedoch Holzpfähle in 17 Meter Tiefe gefunden worden. Auch einen Stahlträger und Tresor habe man entdeckt. Die überraschenden Funde hätten die Abdichtung der Baugrube deutlich komplizierter gemacht.

Diese Risiken seien den Experten der Bauverwaltung bekannt gewesen, heißt es heute dort. Deshalb hätten sie zunächst eine Dauer von fünf Jahren für die Sanierung der Staatsoper angesetzt, dann aber die gewünschte kürzere Bauzeit akzeptiert. Die Arbeiten begannen im Herbst 2010 – und sollen nach aktuellem Stand nun bis Oktober 2015 dauern; also so lang wie ursprünglich geplant.

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