Berlin : Gegen Gewalt – und Generalverdacht

Wir sind nicht alle so: In einer beispiellosen Aktion luden 40 Moscheen zum gemeinsamen Freitagsgebet

Christoph Stollowsky

Die Männer knien dicht gedrängt auf dem roten Teppich der Emir Sultan Moschee. Draußen schiebt sich der Verkehr am Nachmittag über die Schöneberger Hauptstraße, doch im Gebetsraum herrscht Stille. Dann murmeln hunderte Stimmen rhythmisch Gebete in türkischer Sprache, der Muezzin singt seine hohen Weisen mit geschlossenen Augen ins Mikro – bis Prediger Fazli Altun das Wort ergreift. „Der Islam“, ruft er, „ist eine Religion des Friedens. Wir sind gegen jede Art von Gewalt und für das Wohlergehen eines jeden Menschen – egal welcher Religion und Herkunft.“

In etwa vierzig Berliner Moscheen erteilten am Freitag schätzungsweise 10 000 Berliner Muslime unterschiedlicher Nationalität dem Terrorismus mit ähnlichen Worten eine klare Absage. Ihre traditionelle Freitagsandacht war dem Gedenken an die Opfer des New Yorker Anschlages vom 11. September 2001 gewidmet. Zugleich wehrten sie sich bei ihrem „Gebet für Frieden und gemeinsame Verantwortung“ dagegen, dass Muslime häufig „unter Generalverdacht“ gestellt werden und „Anhänger unseres Glaubens als potenzielle Gewalttäter gelten“. So sagte es der Schöneberger Imam Fazli Altun. Wer derart auf den Terrorismus reagiere, verstehe den „wahren Gehalt des Islam nicht“.

Insgesamt gibt es in Berlin rund 80 islamische Gemeinden. Gut die Hälfte von ihnen hatte vor wenigen Wochen beschlossen, in ihrem Freitagsgebet ein Zeichen gegen den Terrorismus zu setzen. Organisatorisch half das Berliner Islamforum, in dem die wichtigsten islamischen Verbände und Gemeinden sowie die christlichen Kirchen und Landesvertreter zusammenarbeiten. „Es ist das erste Mal, dass Berlins Muslime in dieser Breite gemeinsam für gesellschaftliche Verständigung und Kooperation werben“, sagte gestern der Senatsbeauftragte für Integration und Migration, Günter Piening. Die Bereitschaft zum Mitmachen sei „überwältigend“ gewesen. Piening: „Wäre die Vorbereitungszeit länger gewesen, hätten sich noch weit mehr Gemeinden beteiligt.“

Auch die „Muslimische Akademie in Deutschland“ unterstützte das Freitagsgebet „zur Ächtung des Terrorismus“. Es dürfe den Gewalttätern nicht gelingen, die Gesellschaft rund um den Globus zu spalten“, erklärte die Vize-Vorsitzende Riem Spielhaus.

Demonstrativ hatten Berlins islamische Gemeinden deshalb am Freitag Vertreter des Landes, der Bezirke, des Bundestags und der Kirchen zum Gebet eingeladen. Justizsenatorin Karin Schubert (SPD) kam ins Islamische Zentrum für Dialog und Bildung in Wedding, Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei/PDS) verfolgte im Schneidersitz neben der SPD-Bundestagsabgeordneten Mechthild Rawert die Zeremonie in der Schöneberger Emir Sultan Moschee, und die Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Cornelia Reinauer (Linkspartei/PDS), war in der Moschee der Bosniaken an der Adalbertstraße dabei. Die US-Botschaft in Berlin begrüßte die Aktion und schickte gleichfalls einen hochrangigen Vertreter in eine Moschee, deren Name aus Sicherheitsgründen geheim blieb.

Kaum hatten die männlichen Mitglieder der Emir Sultan Moschee nach dem Gebet wieder ihre Schuhe angezogen, sahen sich etliche von Fernsehkameras umringt. „Wie stehen Sie zur Gewalt?“ Das war die Standardfrage. In ihrer Antwort verwiesen die meisten auf den kommenden 3. Oktober. An diesem Tag laden die Muslime alle Berliner „Zum Tag der Offenen Moscheen“ ein.

Die Frauen der Emir Sultan-Gemeinde hielten sich unterdessen noch in einem anderen Gebetsraum zur separaten Andacht auf. Auch sie beteten für den Frieden – und gegen Terrorismus.

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