Berlin : Gegen Rechts: Anlauf für die große Demo

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"Lassen Sie uns gemeinsam handeln, damit wir auch künftig in Freiheit handeln können." Mit diesem Satz schließt der Berliner Einzelhandelsverband sein Rundschreiben zur Großdemonstration gegen Ausländerfeindlichkeit am 9. November. Mit dem Brief lädt der Dachverband seine etwa 1000 Mitglieder ein, "die Demonstration in angemessener Weise zu unterstützen", zitiert Geschäftsführer Gernot Bazin aus dem Brief, der dieser Tage in die Hauspost geht. Die Vorbereitungen für die Demo am Donnerstag nächster Woche unter dem Motto "Wir stehen auf für Menschlichkeit und Toleranz" laufen in Berlin auf vollen Touren.

Die Industrie- und Handelskammer empfahl Berliner Unternehmen, ihren Beschäftigten die Teilnahme an der Demonstration zu ermöglichen. "Prominente aus Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Politik unterstützen den Aufruf", ist zu der von der SPD angemeldeten Demo im Internet ( www.wir-stehen-auf.de ) nachzulesen. Zu den Erstunterzeichnern der überparteilichen Veranstaltung, mit der nach den ausländerfeindlichen Vorfällen Zeichen gesetzt werden soll, gehören Boris Becker und Eberhard Diepgen, Marius Müller-Westernhagen und Otto Schily, Gabi Bauer und Joschka Fischer. Den Auftakt der Demo bildet eine Gedenkstunde der Jüdischen Gemeinde zu Berlin um 16.30 Uhr an der ehemaligen Synagoge an der Oranienburger Straße in Mitte. Der Zug führt dann über die Friedrichstraße und Unter den Linden zum Brandenburger Tor - dort findet um 18 Uhr eine Kundgebung mit Bundespräsident Johannes Rau und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, statt. Die Veranstalter rechnen mit rund 30 000 TeilnehmernDer Gesamtverband des Einzelhandels lässt seinen Mitgliedern neben dem Infobrief eine Kopie des Veranstalter-Aufrufes sowie einen Handzettel für die Kunden zukommen. Der Appell der Deutschen Angestellten Gewerkschaft DAG an Berlins Arbeitgeber, die Geschäfte am 9. November bereits um 16 Uhr zu schließen, um den Mitarbeitern eine Teilnahme zu ermöglichen, ist indes noch nicht überall angekommen, wie eine Umfrage am Montag ergab. Im KaDeWe war wie bei einigen Supermarktketten noch kein Stimmungsbild zu erhalten.

"Demo-Erfahren" zeigte sich Hugendubel in der Friedrichstraße - der Zug am Donnerstag ist nicht der erste, der dort entlang führt. "Wir werden wohl versuchen, die Kollegen, die daran teilnehmen möchten, freizustellen", sagte Birgit Dorfner. Ob jedoch die fünf Berliner Hugendubel-Filialen früher geschlossen werden, müsse zunächst im Kreis der Filialleiter besprochen werden, das nächste Treffen ist am 1. November. Nach Auskunft von Frau Dorfner beleben Demonstrationszüge mitunter sogar das Geschäft: "Nach der Ärztedemo kamen viele zum Shoppen rein." Beim ebenfalls an der Strecke liegenden Dussmann war gestern wegen eines Meetings niemand zu sprechen.

Infos für die Hotelgäste

"Das ist ein brisantes Thema, wir werden hier ja mit Demos überschüttet", so die Reaktion im Hotel Unter den Linden Ecke Friedrichstraße. Man werde die Gäste nicht zur Teilnahme auffordern, aber sie schon wegen der Verkehrseinschränkungen informieren, sagte Empfangsdirektorin Ulrike Erler - bei der vergangenen großen Kundgebung gegen Gewalt in Berlin 1992 hatten noch einige Hotels ihre Gäste zur Teilnahme ermuntert. Das wird nun die Geschäftsführung im Hotel Estrel prüfen. "Wir stehen der Sache äußerst aufgeschlossen gegenüber", so Marketing-Direktorin Marianne Trottier, "ich kann mir vorstellen, dass wir ein Informationsschreiben an die Gäste richten." Karl Weißenborn vom Hotel- und Gaststättenverband sagte hingegen, "unsere Gäste sind bei der Ausübung ihrer staatsbürgerrechtlichen Pflichten genauso autonom wie bei der Wahl ihres Hotels".

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