Berlin : Gegen Zucht – für Ordnung

Nach der Kampfhundattacke auf den kleinen Dennis einigt sich die Koalition auf ein neues Hundegesetz

Katja Füchsel

Allein die Vorstellung, sagt Hundetrainerin Cornelia Hecht: ein zweijähriger Junge, allein mit einem American Staffordshire-Terrier im Wohnzimmer, zwischen den beiden ein Leckerbissen. „Eine Katastrophe schlechthin“, seufzt die vom Senat bestellte Hunde-Sachverständige. „Kleine Kinder und Hunde dürfen nie unbeaufsichtigt bleiben.“

Es ging, wie berichtet, nicht gut aus in der Wohnung in der Weddinger Koloniestraße: Der Terrier rastete aus, biss dem kleinen Dennis die Nase ab, zerfleischte seine Wange. Und wie nach jedem dieser tragischen Vorfälle diskutieren die Experten wieder über Rasselisten, Leinenzwang und Maulkörbe. Jetzt hat sich die rot-rote Koalition auf Eckpunkte für ein neues Hundegesetz geeinigt. „Wir gießen die Hundeverordnung in ein Gesetz“, sagt Behördensprecherin Roswitha Steinbrenner. Demnach soll die Zucht von fünf als gefährlich eingestuften Hunderassen weiterhin verboten bleiben; sie und fünf weitere Rassen dürften auch künftig nicht ohne Maulkorb und Leine ausgeführt werden. Nicht mehr auf der Liste sind der Staffordshire Bull Terrier und der Dogue de Bordeaux. Beide Rassen liegen in der Beißstatistik nicht vorn. Neu ist nach Angaben von SPD-Fraktionssprecher Peter Stadtmüller, dass allen Hunden ein Chip mit seinen Daten implantiert werden soll. Weiterhin wird eine generelle Haftpflichtversicherung eingeführt. Im Schadensfall sind von den Versicherungen bis zu eine Million Euro zu zahlen. Das Gesetz will die Koalition bis zum Frühjahr 2004 auf den Weg bringen.

Die Bündnisgrünen lehnen die Rasseliste weiterhin ab. „Wir fordern einen Hundeführerschein für alle Hunde“, sagt Claudia Hämmerling (Grüne). Denn siebzig Prozent aller Hundebisse ereigneten sich im Haushalt der Halter; zu achtzig Prozent seien die eigenen Kinder oder die der Nachbarn betroffen.

Außerdem müssen sich die Halter von American Staffordshire-Terrier & Co weiterhin einem Sachkundetest unterziehen. Stefan K., der Lebensgefährte von Dennis Mutter, hätte diese Erlaubnis nie erhalten: Der 29-Jährige ist vorbestraft und darf keinen Kampfhund besitzen. An seiner Stelle hatte sich die 22-jährige Frau als Halterin eingetragen. Rein rechtlich hätte der Mann mit dem American Staffordshire-Terrier nicht einmal um den Block gehen dürfen. „Jeder, der den Hund führt, muss einen Sachkunde-Nachweis haben“, sagt Cornelia Hecht. Und da sie darauf auch immer wieder hinweise, unterzögen sich in ihrer Hundeschule („Freunde fürs Leben“) meistens Paare dem Test.

Hecht zählt zu den Gegnern der Rasseliste – wie übrigens auch fast alle Hundeexperten im Berliner Abgeordnetenhaus. Aber ein Gesetz muss her, denn im November 2002 hat das Berliner Verwaltungsgericht die Kampfhundeverordnung praktisch gekippt. Die Richter gaben dem Antrag eines Tempelhofer Hundebesitzers statt, der sich dagegen gewehrt hatte, dass das Bezirksamt ihm seine American-Staffordshire-Terrier-Mischlingshündin weggenommen hatte. Das Gericht gab ihm Recht. Für so weitreichende Eingriffe bedürfe es eines Gesetzes, eine Verordnung reiche nicht aus.

Bei Trainerin Hecht hätte es Dennis’ Mutter lernen können: Hunde und Futter sind ein diffiziles Thema. Aber Michaela W. stand in der Küche, als der Junge nach dem Leckerbissen griff. „Da wird jeder Hund reagieren, auch ein Yorkshire-Terrier“, sagt Hecht. Auf den American Staffordshire-Terrier aber musste das Paar eintreten, bevor er von seinem Opfer abließ. Dennis stehen jetzt noch diverse Operationen bevor, bis Nasenspitze und der rechte Nasenflügel plastisch wieder hergestellt sind. Michaela W. möchte den Hund nicht aus dem Tierheim zurück – was ihr Freund offenbar überhaupt nicht versteht. Das Paar will sich jetzt trennen.

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