Berlin : Gehbehinderter zwei Tage in der Gewalt von Jugendlichen

Sechs Mädchen und Jungen räumten seine Wohnung aus – er musste zuschauen

Jörn Hasselmann

Die 14-Jährige kannte den Gehbehinderten aus ihrem Haus an der Adolfstraße. Zwei Wochen erst lebte das türkische Mädchen in der vom Jugendamt vermittelten Wohnung, die sich „BOB – Bude ohne Betreuung“ nennt. Betreuung hätte das Mädchen aber nötig gehabt. Mit zwei weiteren Mädchen und drei Jungen, überwiegend 14- bis 17-Jährige aus diesem Weddinger Kiez, überfiel sie den 69 Jahre alten allein lebenden Mann. Am Sonnabendmittag schlugen sie mit roher Gewalt die Wohnungstür des schwer Gehbehinderten ein, obwohl sich der 69-Jährige voller Angst von innen dagegenstemmte.

Als die sechs Jugendlichen drin waren, lenkten einige ihn in der Küche ab, die anderen stahlen im Wohnzimmer persönliche Papiere, Telefonkarten, Geld und das Mobiltelefon. Anschließend verließen sie die Wohnung, kamen aber bis zum Sonntagabend gegen 18 Uhr mehrfach zurück und erbeuteten weitere Wertgegenstände. Dabei konnten sie einfach hineinspazieren, da das Türschloss bei dem gewaltsamen Eindringen zerstört worden war. Weil der 69-Jährige keinen festen Telefonanschluss hat, konnte er nicht die Polizei holen – und die offen stehende Wohnung wollte der Mann auch nicht verlassen. Erst als am Montag eine Bekannte ihn besuchte, konnte er sich jemandem anvertrauen. Die Frau alarmierte sofort die Polizei.

Die Beamten kamen dem Sextett schnell auf die Schliche. Die Jugendlichen gestanden die Taten. Nur einer jedoch, ein 14-Jähriger, wurde gestern Abend dem Haftrichter vorgeführt. Der Junge gehört zu den 932 in Berlin bei der Polizei aktenkundigen „Intensivtätern“. Obwohl auch das Mädchen aus der Adolfstraße und ein 15-Jähriger aus Wedding in diesem Fall als Haupttäter gelten und eine dicke Akte bei der Polizei haben, wurden sie von der Staatsanwaltschaft bis zu ihrem Prozess gestern Nachmittag auf freien Fuß gesetzt. Die drei anderen waren schon nach der Vernehmung entlassen worden.

Nach Auskunft von Yvonne Hannemann, Sozialarbeiterin bei „Bude ohne Betreuung“, werden nur die allerschwierigsten Jugendlichen von den Behörden in die Adolfstraße vermittelt: alle mit vielen Vorstrafen, keiner gehe mehr zur Schule, falls es überhaupt noch ein „Zuhause“ gebe, sei der Kontakt dorthin abgebrochen. Die Betreuung ist freiwillig, die Jugendlichen können sich an das BOB-Büro im Parterre des Hauses wenden – oder es sein lassen. „Die sind überall durchgerutscht“, sagt Hannemann. Die Jungen und Mädchen lebten alleine in den 12,5 Quadratmeter-Wohnungen mit Kochnische. Es werde nicht kontrolliert, ob Besuch übernachtet: „Die Wohnungen sind klein, damit wenige dort schlafen.“

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