Berlin : Geheul für Alan Ginsberg

Bluesmusiker erinnert heute an den Dichter

Guido Schirmeyer

Vor zwanzig Jahren landete ein Paradiesvogel aus den USA auf dem Tempelhofer Flughafen. Der Mann aus Boston namens Hemingway und von Hause aus Bluesmusiker zelebrierte seine Ankunft in Berlin: „Ich checkte im Hotel Interconti ein und mietete einen großen weißen Mercedes. Damit fuhr ich vor die Paris Bar, um dort meinen alten Freund Oliver Stone zu treffen“, ist von ihm Buch über die „Paris Bar“ zu lesen, das der Wirt des Promitreffs herausgegeben hat. Die Paris Bar wurde Hemingways Wohnzimmer, dort hat er bis vor kurzem Abend für Abend seinen Blues gesungen – mit Zylinder und speckigem Frack, weißen Dinner-Jackets oder englischem Kolonial-Look. „Daddy“, wie sich der 66-Jährige nennt, weiß sich in Szene zu setzen. Davon zeugt auch sein alter Cadillac, mit dem er durch Dallgow kurvt, wo er mittlerweile das Landleben genießt. Das heißt allerdings nicht, dass er keine Musik mehr macht. Jeden Donnerstag bringt er den Blues in die Bristol Bar des Kempinski.

1940 in Boston als Sohn eines Taxifahrers geboren, saugte er den Blues mit der Muttermilch auf. Seine Ma war Hausfrau und ein „bisschen kommunistisch“, und auf dem Schoße seiner Grandma, einer Pfarrerin in Harlem, durchdrang den jungen Robin Hill, wie Hemingway bürgerlich heißt, der Gospel. Noch bevor der kleine Robin pubertierte, schloss er sich Street-Gangs an und machte da schon früh so seine Erfahrungen. „Wir lungerten an den Straßenecken und schmetterten A-Capella-Songs. Wie die Rapper und Hiphopper heute, nur besser. Mit 17 haute ich ab nach New York und heuerte in der Cedar Street Tavern als Bartender an.“ Das war damals für New York, was die Paris Bar heute für Berlin ist: Treffpunkt der Kreativen. „Die Gegend an der McDougal Street in Greenwich Village war heiß“, erinnert sich Hemingway „wie der Hackesche Markt heute, nur viel lebendiger. Rund um die Uhr tobte das Leben, eine Kneipe neben der anderen, und alle waren da. All die Jazzer, die später weltberühmt wurden.“

Eines Tages lernte Hemingway ein Mädchen kennen, das ihn in den Kreis um Allen Ginsberg einführte, Ikone der Beat-Generation. Der behielt ihn bis in die 60er Jahre hinein unter seinen Fittichen. Das war wie ein Ritterschlag. „Niemand konnte sagen, du kannst nicht lesen. Denn ich war ja einer von Ginsberg.“ Ihre Wege trennten sich, und es sollten mehr als dreißig Jahre bis zum Wiedersehen vergehen. Anfang der Neunziger traf man sich dann bei drei Lesungen in Berlin wieder.

Als Allen Ginsberg 1997 starb, organisierte Hemingway zusammen mit anderen Lesungen von Ginsberg-Texten – so wie einst in den New Yorker Coffeeshops. Heute, aus Anlass des zehnten Todestages von Allen Ginsberg, will Hemingway dessen berühmtes Gedicht „Howl“ (Geheul) auf einer Bühne auf dem Koppenplatz in Mitte vortragen. Anlass ist das gleichnamige Kunst- und Musikfestival von 12 bis 17 Uhr. Zu dem wird auch Conrad Schnitzer erwartet. Der Mitbegründer von Tangerine Dream will elektronische Rhythmen zum Ginsberg-Gedicht beitragen. Klingt dramatisch.

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