Berlin : Gehirnjogging gegen Judenhass

Berliner Anne-Frank-Zentrum trainiert Lehrer und Studenten für Auseinandersetzung mit Antisemitismus

Frank Jansen/Tim Specht

Auf makabere Weise wirkt die Stimme auf dem Anrufbeantworter fast wie bestellt. Eine Frau geifert, die Leute vom Anne-Frank-Zentrum seien doch alle „Terroristen und Lügner“. Einfach mal so. Wenige Stunden später stellt der Direktor des Zentrums, Thomas Heppener, in dieser Woche eine Art Ratgeber vor, „Alle Juden sind … – 50 Fragen zum Antisemitismus“. Die Beschimpfung vom Morgen auf dem Anrufbeantworter erwähnt Heppener nur am Rande – sie ist eine Momentaufnahme aus dem Alltag des Berliner Anne-Frank-Zentrums. Alltag, ähnlich wie die Pöbeleien auf Schulhöfen, wo „Jude“ als Schmähvokabel gerufen wird, Alltag wie die verbalen und handfesten Attacken auf Juden und wie die unendliche Serie von Schändungen jüdischer Friedhöfe. Außerdem sei die Haltung weit verbreitet, Juden als „Fremde“ zu sehen, sagt Heppener.

Nun gibt es etwas Gegenaufklärung mehr. Im neuen Buch der 50 Fragen, Auflage 5000 Stück, werden antisemitische Stereotype aufgegriffen und mit Fakten konfrontiert. „Beherrschen die Juden die Wall Street und Hollywood?“ lautet eine der 50 Fragen, die ein typisches Ressentiment aufgreifen. Ein Auszug aus der Antwort: „Niemand wird bestreiten, dass polnisch-jüdische Immigranten, wie Samuel Goldwyn, Jack und Harry Warner und Louis B. Mayer, bedeutende Begründer der Filmstudios in Hollywood waren.“ Belege für solche Verschwörungstheorien gebe es nicht. Und: Nur wenige wüssten von der antisemitischen Filmgeschichte Hollywoods. Anfang des 20. Jahrhunderts stellten große Produktionsgesellschaften wie Universal und Keystone „Jew Movies“ her, in denen Juden als kriminell, geizig und gerissen dargestellt wurden. „Diese Filme waren sehr beliebt“, steht im Buch, „durchschnittlich wurden zwei pro Woche produziert“.

Ähnlich kenntnisreich und lakonisch formuliert sind die Antworten auf die anderen Fragen wie „Sind Juden eine Rasse?“, „Gibt es derzeit einen islamischen Antisemitismus?“ oder „Macht Israel mit den Palästinensern dasselbe wie die Nationalsozialisten mit den Juden?“ Das Anne-Frank-Haus in Amsterdam hat das 184-seitige Werk herausgegeben, das 2005 zunächst auf Niederländisch erschien, dann ins Englische und nun ins Deutsche übersetzt wurde – wobei der Autor Jaap Tanja manche Antworten auf die Situation der Bundesrepublik zuschnitt. Entstanden ist ein leicht verständliches, mit vielen Abbildungen gestaltetes Buch. Gedacht für Schüler ab 14, für Studenten, Lehrer und andere Multiplikatoren – und sonstige Interessierte.

„50 Fragen“ passt zu den „Trainings“, die das Berliner Anne-Frank-Zentrum Pädagogen anbietet. Heppener berichtet von den Unsicherheiten, die Lehrer im Umgang mit Antisemitismus haben, aber auch von großem Interesse am jüdischen Leben. Etwa 100 Lehrer bundesweit haben seit Januar bereits an den über die Kultusministerien vermittelten Trainings teilgenommen. „200“, sagt Heppener, „werden es in diesem Jahr bestimmt noch“. Frank Jansen/Tim Specht

Das Buch erscheint im „Verlag an der Ruhr“ und kostet 19,95 Euro. Weitere Informationen auf www.annefrank.de

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