Berlin : Gehwegheizung

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Elisabeth Binder über Wetterkatastrophen in der Großstadt

Großstädter sind Experten für Wetterwidrigkeiten. Treibt die Sonne das Thermometer mal drei Tage hintereinander auf über 30 Grad wird ohne Umschweife ein Wüstenszenario in den märkischen Sand gemalt. In den Köpfen bricht die große Dürre aus. Und im ersten Tanz der Schneeflöckchen erkennt man instinktsicher die Blizzardattacke, die alles urbane Leben zu ersticken droht. Gerade dort, wo an hochzivilisierten Zufluchtsorten kein Mangel herrscht, stimuliert praktisch jedes Wetter, das in Temperatur und Luftfeuchtigkeit die Dimensionen eines perfekt klimatisierten Bürogebäudes verlässt, den Teil der Phantasie, der die Katastrophen beherbergt.

Erst wenn es mal wirklich schlimm wird, rückt sich das alles zurecht. Das Blitzeis schlug glücklicherweise in einer eher ruhigen Nacht zu. Wer trotzdem unterwegs war, mangels ausreichenden Konsums von Wetterberichten vielleicht sogar eiskalt erwischt wurde, vergaß alle Untergangsschwärmerei. Auf einer Eisfläche bewegen sich auch junge Leute wie Greise. Ein Königreich für ein paar Schuhe mit Spikes. Und warum hat eigentlich noch niemand die Gehwegheizung erfunden? Da nichts dergleichen in Sicht ist, die Überlegung, ob es sich auf Strümpfen wohl etwas haftfester laufen ließe. Die wahren Katastrophen erkennt man daran, dass sie anstelle eines großen Geschreis konzentrierte Ruhe provozieren. Nicht mal ein kleines Heldenepos bleibt übrig. Was ist schon großartig daran, für einen Weg, der normalerweise fünf Minuten dauert, zwanzig zu brauchen? Immerhin nicht hingeknallt: das erste Glück im neuen Jahr.

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