• Geiseldrama auf Jolo: Die Regierung und die Göttinger wollen die Geiseln nicht durch Lösegeld-Spekulationen gefährden

Berlin : Geiseldrama auf Jolo: Die Regierung und die Göttinger wollen die Geiseln nicht durch Lösegeld-Spekulationen gefährden

Carsten Wieland

Schon bevor es floss, hatten die Moslem-Rebellen der Abu Sayyaf Lösegeld quasi schon ausgegeben. Mit Versprechungen konnten sie Mitstreiter locken. Ganze 24 Dollar am Tag - ein üppiger Lohn auf der philippinischen Insel - sicherten die Entführer Spitzeln zu, die Verdächtiges aus der Hauptstadt Jolo melden. Genau dies wollten die Vermittler vermeiden: ein militärisches Erstarken der Abu Sayyaf. Über Lösegeld spricht daher niemand gerne. Das Auswärtige Amt schon gar nicht. Auch wenn inzwischen niemand mehr daran zweifelt, dass mehrere Millionen Mark für die Freilassung von Renate Wallert aus Göttingen und anderer Abu Sayyaf-Geiseln bezahlt wurde.

Die Bundesregierung wirbt um Verständnis für ihr Schweigen. "Wir können dazu nichts sagen", heißt es aus dem Auswärtigen Amt. "Alle Andeutungen kommen einer Einladung an andere potenzielle Entführer gleich, sich ein paar Millionen abzuholen." Immerhin seien in diesem Jahr weltweit 50 Millionen deutsche Touristen unterwegs. Die Abu Sayyaf seien Kriminelle: "Die wollen keine Obstplantagen, sondern Lösegeld." Zwar sei damit zu rechnen, dass die philippinische Regierung Geld zahle - aber auch damit, dass sie es zurück will.

Aber von wem? Im Auswärtigen Amt laufen die Fäden zusammen, doch engagieren sich im Fall Wallert auch Göttinger Bürger. Etwa fünf bis sechs haben sich als "Interessengemeinschaft" an den Verhandlungen über die Freilassung beteiligt. Darunter befände sich auch ein Unternehmer, der auf den Philippinen engagiert sei, berichtet eine Nachbarin der Familie Wallert. Mehr sickert nicht durch. Anwohner, Bürgermeisteramt, örtliche Journalisten und Wallerts Pfarrgemeinde Stephanus haben sich zu einer Schweige-Gemeinschaft solidarisiert. Der Medien-Trubel wirkt nach. "Wir hatten einen Belagerungszustand", sagt der Sprecher der Göttinger Stadtverwaltung, Detlef Johannson. Auch politisch täte Ruhe gut. "Wir können keinen Resolutions-Aktivismus brauchen, der so tut, als ob die kleine Stadt Göttingen am Rad eines Geiseldramas im fernen Asien drehen könnte." Das Schweigen in der Stadt wirkt nervös, wenn die Sprache auf mögliche Geldgeber kommt. "Es gibt keine Kollekte", heißt es lakonisch auch aus dem Pfarramt. Die Angst sitzt tief, das Drama zu verlängern oder das Leben von Werner Wallert und Sohn Marc zu gefährden. Verständnis dafür zeigt auch Heribert Hellenbroich, Ex-Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz und ex-Chef des Bundesnachrichtendienstes. "Es ist gut, die Terroristen immer in Unsicherheit zu lassen. Nur deshalb gehen 99 Prozent der Fälle gut". Der Unternehmensberater räumt jedoch ein, dass sich bei Entführungen häufig andere Geldgeber beteiligen. "Es gibt private Risk-Management-Firmen, die sich engagieren." Mehr will er nicht sagen. Nur, dass sich darin unter anderem Kriminalbeamte, Polizisten und Polizeipsychologen organisieren. Bei mentaler Hilfe bleibt es aber oft nicht. "Die decken die ganze Palette ab, von dem, was passiert." Die Chancen für private Finanzspritzen stiegen jedoch, wenn unter den Geiseln auch ein Unternehmer ist.

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