Berlin : Geisterbahn der Geschichte

Die Berg-Installation im Palast der Republik: ein Abenteuerspielplatz für Großstadtromantiker und ein letzter Abschied

Christina Tilmann

Man kann in einem fingerhutgroßen Wodka-Glas kleine schwarze Körnchen schlucken und den Samen der „Palatia popularis“ in der ganzen Stadt verteilen. Man kann bei einer „Wunderannahmestelle“ für die Erhaltung des Palasts der Republik beten. Oder man kann gleich das Orakel befragen, wie es denn weitergehen soll auf dem Berliner Schlossplatz.

Wie es weitergehen wird, weiß man allerdings: Ende des Jahres wird der Palast der Republik abgerissen. Und was nun dort passiert, als wirklich allerletztes Sommerspektakel, nach Schlauchbootfahrten, Konzerten, Kongressen und Frank Castorfs „Berlin Alexanderplatz“, macht zumindest eines klar: Dass diese Art von Nutzung nicht verdient, dass der Palast ihretwegen stehen bleibt.

Ein gigantischer Berg aus Kunststoffplane hat sich im Inneren des bis auf den Rohbau reduzierten Gebäudes ausgebreitet, ragt an einer Stelle sogar darüber hinaus. Je später der Abend, desto weißlich-gespenstisch-geheimnisvoller schimmert er, ein Ufo im nächtlichen Berlin. Der Gipfel? Nur die Spitze des Eisbergs? Oder, wie in einer Toncollage nahe gelegt, der Schuldenberg Berlins in Höhe von 60 Milliarden Euro?

Den Assoziationen wird freier Lauf gelassen. Auf drei Wegen, dem Bergsteigerweg, dem Philosophenweg und dem Pilgerweg, kann man den Berg besteigen und unterwegs allerlei Stationen besuchen, auf denen mal spielerisch, mal interaktiv das große Thema Schloss, Palast und Stadtplanung umkreist wird. Man kann sich für sein Begräbnis beraten lassen oder an einem Philosophen-Karaoke von Moritz Rinke teilnehmen, einer Berg-Partei beitreten oder natürlich der Bergpredigt lauschen. Das ist manchmal ganz nett, oft ziemlich kindisch, selten sehr tiefschürfend. Und eigentlich ist es auch egal: Denn der Ort spricht ohnehin für sich, und zwar lauter und eindrucksvoller als alle Aktionen.

Denn was der Berg in seiner Künstlichkeit betont, ist die Ruinen-Romantik des Hauses. Während die Sonne untergeht, versinkt alles in mystischem Halbdunkel, und Stimmen murmeln über Tonband: Diepgen, Landowsky, Honecker, Regine Hildebrandt. Eine Geisterbahn der Berliner Geschichte, durch die viel junges Großstadtpublikum wandert, auch Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung und früherer Berliner Jugendsenator, mit einem „Gletschereis“ in der Hand, später Schloss-Promoter Wilhelm von Boddien und manche älteren Besucher, die sich erinnern. Allein dafür wäre es wert, den Palast stehen zu lassen, weil er ein magischer Ort ist und ein grandioser Partyort dazu. Was hätte man sich in diesem entkernten Stahlskelettbau alles denken können, ein begehbares Museumsdepot, Ausstellungen, Restaurants und Clubs, so lang, bis bessere Ideen kommen. Die Beschwörungen der Berg-Apostel, auch die Vorschläge der Ausstellung „Urban Catalyst“ wirken eher hilflos. Es hat ein Berg gekreißt, leider ist eine Maus rausgekommen. Der Berg ist trotzdem schön.

Bis 26. August, Rundwanderweg 11 bis 23 Uhr, Aufstieg 19 bis 23 Uhr. Karten 6 Euro, mit Aufstieg 13 Euro. Ticket-Hotline 25900427 oder 20648753

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