Berlin : Geisterfahrer

Anne-Dore Krohn

Es ist der 30. Bundesligaspieltag. Der TSV 1860 München spielt noch in der ersten Liga, und der Stadionsprecher hat an diesem Nachmittag eine wichtige Mitteilung zu machen. „Es wird euch einen Scheißdreck interessieren, aber der FC Bayern München ist Deutscher Meister.“ Das war im April 2003. Kleine Ausflüge in den Sport bleiben die Ausnahme in Hans-Jochen Schabedoths Chronik der Jahre mit Kanzler Gerhard Schröder. Eine Art Tagebuch, schlicht geordnet nach Monaten. Für jedes Jahr gibt es ein Oberkapitel: Dem „Aufbruch“ folgen „Stückwerk“ (1999) und „Auftrieb“, nach „Ernüchterung“, „Fristverlängerung“, „Umbruch“ und „Einbruch“ kommt schließlich 2005 der „Abbruch“.

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Schabedoth ist ein professioneller Beobachter dieser Brüche – und als Leiter der DGB-Grundsatzabteilung auch mittelbar Mitakteur der Bundespolitik. So wundert es nicht, wenn bei aller Sachlichkeit und nüchterner Aufzählung von politischen Projekten und den Auseinandersetzungen darüber die Parteinahme nicht ausbleibt. „Die SPD läuft der CDU hinterher, die sich aber nicht einholen lassen will.“ In diesen Satz verdichtet sich Schabedoths Grundeinstellung. Durch die Brille des Gewerkschafters war die Politik Schröders nach der Wiederwahl 2002 verheerend. Und wenn man Kritik an der Agenda 2010 oder Hartz IV artikulierte, dann fühlten sich die Kritiker von der Politik behandelt, „als seien sie Geisterfahrer auf der Autobahn“.

Das ist vorbei. Zum Wohlgefallen der Gewerkschafter hört die Nachfolgerin zu. Die Basta-Politik ist Geschichte – auf die sich anhand Schabedoths Aufzeichnungen vortrefflich zurückblicken lässt. Auch deshalb, weil der promovierte Sozialwissenschaftler den Leser nicht mit Politologendeutsch belästigt. Alfons Frese

Hans-Joachim Schabedoth: Unsere Jahre mit Gerhard Schröder. Schüren Verlag, München. 242 Seiten, 14,90 €.

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