Berlin : Geisterstunden am Gleis

Bahnstreik von 4 bis 10, Stillstand im Berufsverkehr: Genervte Fahrgäste suchen Anschluss zum Job

Dann endlich ist es so weit am S-Bahnhof Friedrichstraße, um 10.03 Uhr fährt der erste Zug ein, der Streik ist beendet. Bis vor wenigen Minuten glich der Bahnhof noch einer Geisterkulisse, an den Imbissen stand kein Mensch, die Verkäufer in den Läden hatten nichts zu tun. Jetzt aber drängelt alles die Treppen hinauf – mit der Ruhe ist’s vorbei. Nur leider ist der Zug um 10.03 Uhr voll und ein zweiter nicht in Sicht. Wo bleiben all die Züge? Erst am Abend ist der Fahrplan wieder im Takt.

Das S-Bahnnetz liegt an diesem Donnerstagmorgen seit Betriebsbeginn lahm, seit 4 Uhr wird gestreikt, nur einzelne Bahnen sind auf der Strecke. Im Berufsverkehr ist das natürlich viel zu wenig, zumal ja auch die Tourismusmesse unter dem Funkturm begonnen hat: „How do I get to ITB?“, fragt ein ratloser Messebesucher am Bahnhof Zoo. Ansagen auf Deutsch bringen ihn nicht wirklich weiter. Können die BVG-Mitarbeiter in dem Durcheinander helfen? Steigen Sie in den Bus, sagen sie. Oder in die U-Bahn. „Ach, nehmen Sie ein Taxi!“ Was übrigens auch keine exklusive Idee ist, am Messegelände staut es sich massiv.

Genervt sind nicht nur Fahrgäste, die erst ihre S-Bahn vermisst haben und dann später am Hauptbahnhof feststellen, dass auch ihr ICE nicht fährt („Jetzt brauche ich einen Mietwagen“), sondern auch Fahrgäste der BVG. Im Südwesten der Stadt parken sonst viele Pendler an den U-Bahnhöfen, doch an diesem Morgen – kein Stellplatz, nirgends, auch nicht am nächsten U-Bahnhof. Deshalb sind jetzt auch die Straßen verstopft. Zumal Eltern ja irgendwie ihre Kinder zu den Schulen bringen möchten. Auf dem U-Bahnhof Rüdesheimer Platz steht eine Frau mit ihren Kinderwagen und schaut ratlos in den haltenden Waggon. Kein Platz mehr.

Am Ostbahnhof schenken Bahnmitarbeiterinnen an diesem Morgen ein Lächeln und auch einen warmen Kaffee. „Wir bekommen einiges ab“, berichtet eine der Frauen. „Dabei betrifft es uns ja genauso. Wir mussten auch irgendwie hierherkommen. Und wir stehen immerhin schon seit halb sechs hier.“ Im Laufe des Tages erzählen Bahnmitarbeiter, dass Kollegen mit Cola-Dosen beworfen wurden.

Wer in der Stadt vorwärtskommen wollte, hatte es schwer. Wer in den Vorstädten wohnt, hatte es hingegen schwer, überhaupt reinzukommen. Manche bildeten Fahrgemeinschaften, andere gingen später zur Arbeit, wenn der Chef es irgendwie akzeptierte. Und am Hauptbahnhof guckten Touristen irritiert auf die blauen Anzeigetafeln, auf denen groß stand: „Warnstreik der GDL!!!“ Ob dieses Kürzel im Übersetzungsbüchlein steht?

Die BVG versucht zu helfen, aber auch sie wird erst zwölf Stunden vorher informiert, so schnell kann sie keinen Schienenersatzverkehr organisieren. Sie hat auch nicht die Busflotte dafür. Die Stadt muss also zusammenrücken. Positiv klingt diese Formulierung diesmal nicht, eher wie eine Drohung. Tsp

Informationen gibt es bei den Verkehrsbetrieben im Internet oder telefonisch: Bei der Bahn gratis unter Tel. 08000 99 66 33. Das Servicetelefon der BVG ist unter 19 44 9 zu erreichen, bei der S-Bahn unter 297 433 33 und beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg VBB unter 25 41 41 41.

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