Berlin : Geisterzug

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Von Christian van Lessen

Die U-Bahn rollt auf dem Bahnhof Breitenbachplatz ein. Die meisten der gut 20 Leute, die Richtung Warschauer Straße einsteigen wollen, haben fast 20 Minuten Schienenersatzverkehr mit dem Bus hinter sich. Sie trösten sich damit, dass die monatelange Streckenreparatur in Kürze ein Ende hat und erwarten endlich die zügige Weiterfahrt.

Nanu? Viele stutzen beim Anblick des haltenden Zuges, anderen scheint nicht aufzufallen, dass da was nicht stimmt. Die Waggons sind dunkelrot oder bräunlich und die Seitenscheiben nur angedeutet, wie bei einem Lieferwagen, in den man nicht hineinschauen soll. Die Bahn sieht exotisch fremd aus.

Der Fahrer grinst, weil er weiß, dass sein Gefährt in die Irre führt. Die Fahrgäste sind auf der U 1 ohnehin viel gewohnt und wundern sich kaum. Schon wollen die ersten einsteigen, als sie merken, dass der Zug nicht nur keine Scheiben, sondern auch keine Türen hat.

Und dann fährt er schon wieder an, und die Leute auf dem Bahnsteig schauen ihm verdutzt hinterher, weil sie nicht glauben wollen, dass es U-Bahnzüge ohne Fahrgäste gibt. Aber die Wagen rollen unter der Stadt hindurch, meist unbeobachtet. Wie Geisterzüge sehen die dunklen Dinger aus, fast ein wenig furchterregend.

Zur Beruhigung all derer, die sie zu Gesicht kriegen, trägt einer der Waggons die Aufschrift: „Schienenschleifmaschine“.

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