Berlin : Geistliche Stärkung vor der Plenarsitzung jetzt auch in Berlin

Ulrich Zawatka-Gerlach

Ein schlichtes Altartuch über einem Bürotisch und ein Adventkranz mit zwei brennenden Kerzen haben aus dem kleinen Vortragsraum im Abgeordnetenhaus, in dem sonst Schulklassen über die Berliner Politik aufgeklärt werden, eine beschauliche Kapelle gemacht. Neben dem mächtigen Multivisions-Projektor steht eine Orgel. Das Lied "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit" erklingt. Es ist die erste ökumenische Andacht vor Beginn der Plenarsitzung des Landesparlaments. Dies soll nun zur Regel werden.

Der neue Abgeordnetenhauspräsident Reinhard Führer, ein gläubiger Katholik, will eine Tradition begründen, die sich in anderen Landesparlamenten, auch im Deutschen Bundestag, längst durchgesetzt hat. In Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel, aber auch in Nordrhein-Westfalen und Thüringen.

Oberkonsistorialrat Gerhard Zeitz und Prälat Georg Walf, die sich in Zukunft die Gottesdienste vor jeder Parlamentssitzung brüderlich aufteilen werden, bedanken sich artig dafür, dass dies jetzt auch in Berlin möglich geworden sei. Am Ende der Andacht ist der kleine Saal fast voll. Etwa vierzig Abgeordnete sind gekommen; viele mit Verspätung, weil die CDU-Fraktion vorher noch tagte. Um 14.30 Uhr mussten die Geistlichen noch sehr geduldig auf ihre Schäflein warten.

Ein schneidiges Voraus-Kommando, mit der blitzenden Marke des Landeskriminalamts in der Hand, kündigt immerhin schon mal den Innensenator Eckart Werthebach an. "Wir sind der Polizeischutz, sind hier feste Plätze zugewiesen?" Nein, jeder darf sitzen, wo er will.

Dann kommt die künftige Europa-Staatssekretärin Hildegard Boucsein, der Grünen-Abgeordnete Hartwig Berger, der "eine Gelegenheit zur Selbstbesinnung" sucht. Die CDU-Abgeordneten Ekkehard Wruck und Rüdiger Jakesch gehören auch zur kleinen Vorhut, nicht zu vergessen Parlamentdirektor Gohmert. "Sehet auf, erhebt Eure Häupter..." Das ist das Bibelwort für diese erste Andacht. Ein klarer Blick nach vorn sei auch für die Politiker wichtig, findet der Geistliche.

Dann geht die Tür auf und zu, es kommen immer mehr: Die ausscheidenden Senatoren Ehrhart Körting und Peter Radunski, Parlamentspräsident FÜhrer und CDU-Generalsekretär Volker Liepelt, die CDU-Hochschulexpertin Monika Grütters usw. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Ein Psalm, das Vaterunser, kurze Orgelklänge. Man erhebt sich, gibt das Gesangbuch ab. Die Abgeordneten haben sich für die rauhe Wirklichkeit innerlich gestärkt. Es ist noch ein Senat zu wählen. Aber auch das geht vorüber. Gott sei Dank.

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