Geiz ist ungeil! : Ein Plädoyer für mehr Trinkgeld

Sie bewirten und verschönern uns, sind freundlich und haben ein maues Gehalt: Viele Dienstleister haben jeden Cent verdient, den wir ihnen zusätzlich zustecken. Dass trotzdem so viele beim Trinkgeld sparen, nervt ohne Ende.

Kai-Uwe Heinrich
Zwanzig oder fünfzig Cent extra sagen mehr über Geiz aus, als über Zufriedenheit mit einem Service.
Zwanzig oder fünfzig Cent extra sagen mehr über Geiz aus, als über Zufriedenheit mit einem Service.Foto: dpa

Mein Schuster hat mir letztens meinen kaputten Schuh hervorragend genäht. Und als er sagte „Macht fünf Euro“, sagte ich: „Nein, sechs.“ Erst kam ein schnelles „Danke“ und dann, verwundert, noch ein „Oh, Danke!“

Worum es geht? Um Trinkgeld. Um Anerkennung und Wertschätzung. Ich versuche wann immer möglich – und wenn die gute Seele es verdient – Trinkgeld zu geben. Belegtes Brötchen für zweifuffzig? Nimm drei. In der Kneipe schön drei Feierabendbierchen für 9,90 gepichelt. Ich gebe elf oder zwölf. Ich liebe es, nett zu sein und ein freundliches Lächeln beim Bäcker oder in der Kneipe mit ein paar Groschen mehr zu wertschätzen.

Andere sind da anders: Da wird mal was ganz Besonderes geplant und sich fein gemacht. Die Frau wird groß zum Essen eingeladen. Beim Trinkgeldgeben endet dann der schöne Abend. Man muss ja Kurzstrecke leicht angesäuselt noch mit dem Taxi nach Hause. Oder man kippt sich für 50 Euro in der Kneipe mit den Kumpels die Birne zu. Und dann? Nichts. Ja geht’s noch? Gerade in der Dienstleistungsbranche wird nicht mal der Mindestlohn gezahlt. Viele Angestellte sind auf das Trinkgeld angewiesen. Wie bitte, nicht unser Problem? Und deshalb gleich gar nichts geben? Das soll’s gewesen sein?

Zu viele Knauserköpfe

Viele von denen, die uns da Tag für Tag so selbstverständlich und freundlich bedienen, dass wir es gar nicht mehr mitbekommen, haben einfach jeden Cent verdient! Das müssten eigentlich auch die Leute wissen, die immer rumpalavern, wie sehr Deutschland am Abgrund steht. Genau Leute, nur nicht ihr steht am Abgrund, sondern die, die von den paar Kröten leben müssen und auf ein paar Scheine extra am Monatsende angewiesen sind. Wahrscheinlich haben einige auch noch einen Zweitjob und kommen trotzdem nicht über die Runden. Und warum? Auch, weil ihr Knauserköpfe nur schwafelt, aber nicht bereit seid, auch einfach mal was zu geben.

Ich schwimme nicht in Geld, verdiene aber definitiv mehr als beispielsweise meine Lieblingsfrisöse Ötzi. Fünf Tage die Woche ist sie auf den Beinen, kümmert sich wie ein Sonnenschein auch um den übellaunigsten Kunden. Der Herrenhaarschnitt kostet sieben Euro. Ich mache zehn daraus aus folgenden Gründen: Ötzi hat mir toll die Haare geschnitten, sie war freundlich wie immer, und ihr Grundgehalt ist eine Katastrophe. Nach dem zehnten Schnitt würde ich mit Bonuskarte übrigens einen Friseurbesuch umsonst bekommen. Ich habe keine und will sie auch nicht.

Zwanzig Cent sind noch kein angemessenes Trinkgeld

In manchen Branchen sollte man einfach davon ausgehen, dass Trinkgeld fließt. Sei es beim Friseur oder am Tresen vom „Alimentari“ in der Markthalle. Da trinken die Gäste in meinem Kiez gern ihren Espresso für achtzig Cent und lassen sich zwanzig wiedergeben. Die Großzügigen geben einen Euro und sagen „Stimmt so“. Leute: Zwanzig Cent sind kein angemessenes Trinkgeld, wenn man sich zwei Stunden an einem Getränk festhält. Anderes Beispiel: In meine Lieblingskneipe kommen auch mal „Gäste“, die gerne einfach nur Fußballgucken wollen. Auf die Frage „Was wollen Sie trinken?“, reagieren sie dann aber doch verwundert.

Wie, nicht umsonst gucken? Notgedrungen bestellen sie einen Espresso und ein Glas Wasser. Trinkgeld geben sie keins. Nur zur Information: Mein Wirt betreibt die Kneipe zwar auch aus Spaß an der Freud, seine Angestellten muss er trotzdem bezahlen. Daher macht es mich glücklich, wenn ich das Klingeln von Metall im Trinkgeldglas höre. Klingeling und Kling! Hier wird brüderlich geteilt.

Und das noch: Mein Vater, ein Bierkutscher, ein Stinkstiefel mit großem Herz. Ach, was konnte der nett sein, wenn es ans Abrechnen ging. Selbst der knauserigste Wirt gab „Schmalz“. Aus einem einfachen Grund: Er war zufrieden. Wenn ich zufrieden bin, zeige ich das. Und ich finde es jedes Mal peinlich, wenn ein „Hier, ich hab’s passend!“ kommt. Also liebe Mitbürger: Geiz ist ungeil. Wenn alles schön war und ihr zufrieden, plant doch beim nächsten Kneipen- oder Friseurbesuch ein paar Extra-Euro für die Angestellten ein. Euch tut es nicht weh, und ein glückliches Gesicht kann so viel Freude bereiten!

Viele kommen auch mit Zweitjob nicht über die Runden. Weil ihr Knauserköpfe nur schwafelt, statt was zu geben.

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