Berlin : Gekauft wird nur das Nötigste und Billigste

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Von Annekatrin Looss

Dieses Jahr droht für den Berliner Einzelhandel eines der schlechtesten der Dekade zu werden. „Derartige Umsatzeinbrüche am Jahresanfang hatten wir noch nie“, sagt Nils Busch Petersen, Geschäftsführer des Gesamtverbandes des Berliner Einzelhandels. Der Rückgang liege zum Teil im zweistelligen Prozentbereich, vor allem der Möbel- und Textilhandel leidet.

Die Berliner kaufen weniger. Daran ist nach Meinung der Händler neben schwacher Konjunktur, hoher Arbeitslosigkeit und unsicherer weltpolitischer Lage vor allem der Euro Schuld. Der Eindruck, alles sei teurer geworden, lässt die Verbraucher das Geld festhalten. Gekauft wird nur das Nötigste und davon das Billigste, so Busch-Petersen. Auch die Tatsache, dass die Preissteigerungsrate laut Statistischen Bundesamt im April in Deutschland nur bei 1,6 Prozent lag, kann die Käufer nicht zum Kaufen bewegen. Doch was können die Händler tun, um die Kunden wieder in die Läden zu locken? „Wir versuchen, die Kunden immer wieder positiv zu überraschen, sie mit Veranstaltungen wie Gewinnspielen und Verkostungen in die Filialen zu locken“, sagt ein Sprecher der Kaufhof AG. Dass die Kaufhof AG mit der Einführung des Euro nicht teurer geworden sei, wüssten die Kunden – glaubt zumindest der Unternehmenssprecher. „Wir haben schon lange vor der Einführung doppelt ausgezeichnet. Jeder hatte also Zeit, sich an den Euro zu gewöhnen.“

Die Karstadt AG versucht mit massiven Preissenkungen, ihre Waren an den Mann zu bringen. „Wir locken die Kunden mit Aktionen und bis zu 50 Prozent reduzierten Preisen in die Filialen“, so Sprecher Elmar Kratz. Andere Unternehmen, wie zum Beispiel Edeka, versuchen besonders die preisgünstigen Produkte in der Werbung herauszustellen. „Wir haben mehr als hundert Preise unserer Handelsmarke ,gut & günstig‘ gesenkt“, sagt Unternehmenssprecher Andreas Laubich. Damit könne das Unternehmen jetzt im Preisvergleich auch mit den Discountern mithalten. Ein kleiner Trost, denn auch die verzeichnen laut Busch-Petersen in diesem Jahr weniger Umsatz. Doch die Strategie von Edeka scheint aufzugehen. „Wir verkaufen wesentlich mehr ,gut & günstig‘-Produkte als im Vorjahr“, sagt Laubich. Das Umsatzminus könne man damit in diesem Jahr aber wohl nicht mehr ausgleichen. Mindestens 1000 Berliner Geschäfte würden der derzeitigen Entwicklung zum Opfer fallen und innerhalb dieses Jahres Konkurs anmelden müssen, schätzt Einzelhandels-Sprecher Busch-Petersen. Rund 3000 Berliner werden aus diesem Grund ihre Arbeit verlieren.

Zahlreiche Beschwerdebriefe gehen täglich bei der Berliner Verbraucherzentrale ein. „Die meisten Schreiber beklagen sich über die Preissteigerungen im Einzelhandel, dann folgen Klagen über die Banken und schon an dritter Stelle kommt der Staat, der die Verbraucher mit anscheinend überhöhten Gebühren verunsichert“, sagt die Vorsitzende der Verbraucherzentrale, Thea Brünner.

Auch sie hat kein Patentrezept für das Miteinander von Händlern und Käufern seit Einführung des Euro. Preiserhöhungen seien in Deutschland nicht verboten, so Brünner. Die schwarzen Schafe aber werde der Markt ganz schnell von selbst verdrängen. Brünner ruft die Kunden dazu auf, die Preise stärker zu vergleichen und im Notfall auf den Kauf zu verzichten. Von so genannten Meldestellen, bei denen entrüstete Verbraucher Händler mit überhöhten Preisen anzeigen können, hält die Verbraucherzentrale indes nichts. Schließlich sei meist nicht der Euro, sondern die gestiegenen Ölpreise, die Ökosteuer und bei dem besonders teuer gewordenen Obst und Gemüse die Missernten in Spanien und Afrika für die gestiegenen Preise verantwortlich. Sinnvoller sei es, die doppelte Preisauszeichnung beizubehalten (siehe Pro und Contra auf dieser Seite).

Auch Busch-Petersen hält die doppelte Preisauszeichnung für ein vernünftiges Mittel, um auf die Sensibilität der Käufer zu reagieren. „Wenn der Kunde die beiden Preise schwarz auf weiß sieht, mag das diffuse Gefühl, alles sei teurer geworden, verschwinden.“ Einen Hoffnungsschimmer sieht Busch-Petersen in der bevorstehenden Reisezeit. „Wenn die Leute erstmal im Ausland waren und gesehen haben, dass die Dinge dort teilweise noch teurer sind, werden sie ihr Vertrauen in die deutschen Händler wiedergewinnen und mehr kaufen.“

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