Berlin : Gekürzt und umverteilt

Streit um Deutsch-Unterricht für Migrantenkinder Bildungssenator will eingreifen

Susanne Vieth-Entus

Die Schulen verlieren jetzt dramatisch viel Geld für den Deutsch-Unterricht für Migranten: Die Mittel für das Fach „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) werden noch stärker gekürzt als bisher befürchtet. Während die Senatsverwaltung für Bildung noch am Dienstag behauptete, dass die Mittel nicht gekürzt, sondern nur anders verteilt werden, wurden gestern andere Fakten bekannt. Demnach sind von ursprünglich 750 DaZ-Stellen im kommenden Jahr nur noch 575 übrig. Der grüne Bildungspolitiker Özcan Mutlu bezeichnete dieses Vorgehen als „fatal“.

Hintergrund der Kürzung ist eine anderweitige Verwendung der Mittel. So müssen aus dem sogenannten „DaZ-Pool“ künftig auch die Deutsch-Pflichtkurse der Vorschüler finanziert werden, die bisher aus anderen Töpfen bezahlt wurden. Außerdem wird die höhere Zahl von Lehrerstellen infolge der Verkleinerung der dritten Klassen in Schulen mit hohem Migrantenanteil aus diesem Pool finanziert. Dies alles mag indirekt der Förderung dienen, kann aber nicht mit qualifiziertem Sprachunterricht gleichgesetzt werden. Weitere DaZ-Stellen wurden zweckentfremdet – für sogenannte Moderatorenaufgaben.

Damit aber nicht genug: Den Grundschulen gehen zusätzlich dadurch Deutsch-Förderstunden verloren, dass die Bildungsverwaltung künftig ein stärkeres Gewicht auf die Oberschulen legt. Während bisher nur 30 Prozent der Mittel für Sprachförderung an die Oberschulen gingen, sind es künftig 41 Prozent. Erhard Laube von der GEW-Schulleitervereinigung hält diese Verschiebung für falsch: Sprachförderung sei umso wirksamer, je eher sie einsetze. „Die Grundschulen sind das Fundament“, pflichtet ihm die Neuköllner Grundschulleiterin Marion Berning bei. Die „Reparaturkosten“ für nicht geleistete Förderung in der Grundschule seien viel höher als eine rechtzeitige Unterstützung. Hinzu kommt, dass die Migrantenquote an den Grundschulen höher ist als die an Oberschulen.

Wie berichtet, werden die DaZ-Mittel in ganz Berlin neu verteilt. Die Bildungsverwaltung begründet das damit, dass bisher bestimmte Bezirke wie Kreuzberg überdurchschnittlich viele Förderstunden bekommen hätten, und zudem die Grund- und Hauptschulen im Vergleich zu den Gymnasien zu stark bevorzugt worden seien. Künftig soll einzig die Migrantenquote ausschlaggebend sein. Das führt etwa dazu, dass eine Hauptschule in Kreuzberg 100 DaZ-Stunden verliert, ein Gymnasium aber 100 zusätzlich erhält, weil es viele Migranten hat. Ob die gymnasialen Migranten besser Deutsch sprechen als die Hauptschul-Migranten, wird dabei nicht berücksichtigt.

Noch vorgestern hatte Abteilungsleiter Ludger Pieper dieses Vorgehen gerechtfertigt. Gestern zog Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) die Notbremse und ließ ausrichten, es handele sich nur um „verwaltungsinterne Überlegungen“. In dem entsprechenden Rundschreiben der Behörde klingt das allerdings noch ganz anders. Jetzt soll eine „Projektgruppe“ eingeschaltet werden.

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