Berlin : Gelächter im Dunkeln - Die gesammelten Werke des Berliners in der Staatsbibliothek

Philipp Lichterbeck

Katzen sind charmante Tiere. Sie bewegen sich mit Eleganz, sind unaufdringlich und fast schon herausfordernd gelassen. Sie sind genussfreudig und verspielt, und manchmal glaubt man in ihren Blicken sanften Spott über die Menschheit zu entdecken, stummes Gelächter über alles Dumme und Rohe in der Welt. Verwundert es da, dass Werner Klemke, der berühmte Ost-Berliner Grafiker und Buch-Illustrator, einen Kater zu seinem Markenzeichen machte, den sogenannten Klemke-Kater? Vor fünf Jahren starb Klemke 77-jährig und hinterließ einen umfangreichen Nachlass. Eine kleine Auswahl daraus zeigt die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Berlin in Zusammenarbeit mit der Pirckheimer Gesellschaft unter dem Motto "Wie man Bücher durch Kunst (un-?)brauchbar machen kann".

Der Titel suggeriert es schon: Für Klemke ging es nicht ums Illustrieren um des Illustrierens willen, sondern um das Schaffen von Formen, die mit dem Illustrierten korrespondieren, es transzendieren, ohne aber seine Essenz anzutasten. Erst wenn die Einheit zwischen Inhalt, Satzgestaltung und Illustration erreicht sei, könne man davon sprechen, dass ein Buch "brauchbar", also lesbar sei, meinte Klemke. Konsequenterweise übernahm er dann auch die Auswahl von Format und Schrifttyp gleich mit.

Den zahlreich in der Staatsbibliothek ausgestellten Beispielen kann man eine gewisse Abhängigkeit vom gediegenen Charme der fünfziger und sechziger Jahre nicht absprechen. Doch stets hat sein Strich etwas unverhohlen Kindliches: immer munter, knapp und pointiert. Klemke beherrschte sein Handwerk von der Pieke auf: Holzstich, Aquarelle, Pastell-, Kreide- und Ölzeichnungen gingen ihm locker von der Hand, so scheint es, denn Leichtigkeit wollte er suggerieren. Das gelang ihm schon früh, etwa 1944, als er als Gefreiter der Wehrmacht Pässe für holländische Juden fälschte. Offenbar resultierte seine Bibliophilie unmittelbar in einer humanistischen Gesinnung.

Nach dem Krieg machte Klemke sich in der DDR als Illustrator für den Aufbau-Verlag und den Verlag Rütten & Loening schnell einen Namen. 1956 wurde er an die Hochschule für Angewandte Kunst in Berlin-Weißensee berufen. Im Jahr zuvor hatte er begonnen die Titelblätter für "Das Magazin", eine erotisch angehauchte DDR-Zeitschrift, zu zeichnen, für die er bis 1990 monatlich eine Titelzeichnung anfertigte. Der kleine Klemke-Kater trieb hierin sein anzügliches Unwesen, schaute den Frauen unter den Rock oder sah den Pärchen aus Baumwipfeln bei ihrem amourösen Spiel zu. Eine in die Ausstellung integrierte Dia-Schau zeigt die besten dieser für die DDR-Zeitungslandschaft äußerst frivolen Abenteuer.

Es führte ins Unermessliche, alle der mehr als 800 von Klemke bearbeiteten Bücher zu nennen. Doch zwei zumindest sollte man herausheben. Da sind zum einen die 48 farbigen Zeichnungen für Majakowskis großformatig herausgegebenes Gedicht "Gut und Schön", die, unter den Text gelegt, den umherirrenden Wörtern Halt und Richtung geben. Und da ist 1958 "Das Dekameron" des Giovanni Boccaccio, zu dem Klemke 105 zart geschnittene, zurückhaltende Holzstiche anfertigte, was ihm nicht nur eine Goldmedaille auf der Internationalen Buchkunst-Austellung in Leipzig einbrachte, sondern gleichzeitig die Ehrenbürgerschaft in Boccaccios Geburtsstadt Certaldo. In Italien also, dem Land der Ästheten und Schwärmer.Staatsbibliothek, Unter den Linden 8, bis 22. September; Montag bis Freitag 9-17 Uhr.

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