Berlin : Gelb ist die Liebe

Thorsten Kurzawa ist Straßenbahn-Fahrlehrer. Eine Tram zu lenken, ist für ihn das Größte. Und am Wochenende schraubt er an ihr rum

Stefan Jacobs

„Mich nicht mit ’nem Bus im Hintergrund fotografieren“, bittet Thorsten Kurzawa. Nicht, dass es ihm direkt peinlich wäre, aber: „Busse sind für mich ein Verkehrsmittel.“ Die meisten Menschen sagen das auch über Straßenbahnen. Nicht aber Thorsten Kurzawa, der gelernte „Facharbeiter städtischer Nahverkehr“ und Straßenbahn-Fahrlehrer. Er ist jetzt 39 Jahre alt, 26 davon ist er Mitglied im Denkmalpflegeverein Nahverkehr. Montags bis freitags übt er mit Fahrschülern, wie man zwei-, dreihundert Menschen in einer 80-Tonnen-Fuhre ohne Ausweichmöglichkeit heil durch Berlin bringt. Und am Wochenende fährt er raus zum alten Betriebshof nach Pankow, um an den Raritäten zu schrauben. Sie sind etwa 20 Leute dort, im harten Kern. 15 basteln an der Bahn, die anderen nebenan an den Bussen.

In diesem Zusammenhang ist wohl erwähnenswert, dass Kurzawa in einer intakten Partnerschaft lebt. Er müsste seine Wochenenden nicht hier verbringen in der großen Halle mit den Neonlicht-Linien an der Decke und dem Radio, das von irgendwo herüberhallt. Aber er schraubt ja nicht nur, er fährt die Schmuckstücke ja auch. „Es ist ein Riesenunterschied, ob man im Linienverkehr fährt oder in einer historischen Bahn: Allein schon, wie freundlich die Leute gucken!“ Die alten Wagen werden gern für Hochzeiten gebucht oder wenn Oma was zu feiern hat. Und im Sommer fährt der Verein für jedermann – von den sechs Euro fürs Ticket wird ein Großteil des Materials finanziert.

Manches, was bei alten Straßenbahnfreunden jahrzehntelang als Laube im Garten stand, sieht nach Komposthaufen aus, wenn es im Depot ankommt. Da muss auch gesägt, gefeilt, geschweißt, geklebt und gemalert werden, bevor es wieder rollt. Kurzawa findet Elektrik und Fahrgestell besonders spannend. Das eine wegen der Verantwortung: „Alle Bahnen bremsen mit dem Motor. Wenn da was nicht stimmt, werden die zum Geschoss.“ Das andere wegen der ausgefeilten Mechanik: „Wenn die Räder zu schnell blockieren, gleitet Metall auf Metall. Endlos. Wenn Sie dann irgendwann stehen, haben Sie eine Menge Zeug vorn auf der Kupplung.“

Das erklärt er auch seinen Fahrschülern, die sich immerhin aufs Antiblockiersystem verlassen können, wenn er Fußgänger vor die Bahn stolpern oder Autos plötzlich abbiegen lässt – am Simulator, versteht sich. 40 Tage dauert die Ausbildung, inklusive mehrerer Zwischenprüfungen. Dann folgen die ersten 18 Schichten mit Passagieren und mit einem Routinier als Kopilot.

Fahrlehrer ist Kurzawas Traumjob. Wegen der unterschiedlichen Leute und wegen der Erfolgserlebnisse, sagt er. Und wegen des Straßenbahnfahrens, aber das sagt er nicht. Er sagt nur: „Am Samstag fahre ich mal wieder im Liniendienst. Auf der M10, also zwischen dem Szenebezirk Friedrichshain und dem Szenebezirk Prenzlauer Berg.“ Seine Augen leuchten.

Seine Bahn wird auch am Abend noch voller Leute sein. Er wird durch vorausschauende Fahrweise vielleicht ein halbes Dutzend Unfälle verhindern. Mit Glück ruft ihm jemand ein Danke zu, wenn er die Tür noch mal aufgemacht hat. Einer seiner Freunde fährt für die große Bahn Güterzüge durchs Land, Kesselwagen meist. „Das wäre mir zu monoton“, sagt Kurzawa. „Zu lange Strecken, zu lange allein.“

Und was unterscheidet Bus- und Straßenbahnnarren? Thorsten Kurzawa fällt nur eine Gemeinsamkeit ein: „Einen Knall haben wir alle.“

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