Berlin : Gelb regiert die Welt

Die Simpsons-Comics sind hierzulande noch beliebter als in den USA. Chefzeichner Nathan Kane ging trotzdem auf Werbetour

Lars von Törne

Das mit der toten Katze, das haben ihnen die selbsterklärten Sittenwächter in den USA wirklich übel genommen. Vor ein paar Jahren zu Weihnachten war das, erinnert sich Nathan Kane. Da haben der Zeichner und seine Kollegen in einem „Simpsons“-Heft eine Episode gezeichnet, in der eine blutrünstige Maus eine Katze mit dem Weihnachtsbaum brutal ersticht. Das war als „Tom-und Jerry“-Persiflage gemeint und Teil der Trickfilmserie „Itchy und Scratchy“, einer Untergeschichte im ansonsten recht jugendfreien Comic-Universum der gelbköpfigen Simpsons. Die Leser nahmen das Massaker aber ziemlich ernst, es hagelte Beschwerden. „Ein richtiger Skandal war das“, sagt Nathan Kane beim Gespräch in einem Kreuzberger Hotel. Dabei lacht der 39-Jährige ein verschmitztes Jungenlachen.

Der Zeichner liebt es zu provozieren, ohne dabei wirklich schlimme Sachen zu tun oder zu zeigen. Das ist wahrscheinlich eines der Einstellungskriterien gewesen, als er vor rund zehn Jahren nach seinem Kunststudium als Kolorierer zum „Simpsons“-Verlag kam. Inzwischen hat er es zum Artdirector gebracht, also zum Chefzeichner der legendären Comic-Serie. Jetzt ist der Kalifornier mit dem Meckischnitt und dem Dreitagebart für ein paar Tage in Deutschland unterwegs, um für die Comic-Hefte zu werben, die hier noch erfolgreicher als in den USA sind und deren 100. Ausgabe kürzlich erschienen ist. Am Mittwochnachmittag stand eine Signierstunde in Berlin auf dem Programm, heute ist Kane auf der Leipziger Buchmesse.

Kanes Job ist, neben dem Zeichnen von Skizzen und Titelbildern, bei den Simpsons-Storys für die richtige Mischung der Zutaten zu sorgen: Ironie und Ernsthaftigkeit, Zynismus und Hoffnung, Slapstick und gelegentlich auch mal ein Dialog mit politischen Anspielungen für die ältere Leserschaft. Wichtigste Inspirationsquelle ist die Fernsehserie mit den Abenteuern der liebenswürdigen Chaosfamilie. Die wurde vor rund 20 Jahren von Matt Groening geschaffen. Der ist so etwas wie der Walt Disney der Simpsons und hält bis heute als Herausgeber auch bei den Comic-Heften die Fäden in der Hand. „Er ist der Pate“, sagt Kane.

Die tägliche Arbeit, im Verlagshaus in Los Angeles Monat für Monat ein Heft fertig zu stellen, liegt heute aber in den Händen von Kane und dem Kreativdirektor Bill Morrison. Ihre zentrale Botschaft: „Man kann sich über alles lustig machen, das anderen Leuten etwas bedeutet“, sagt Kane und zählt die aktuellen Lieblingsziele des Simpson-Spotts auf: „Christliche Fundamentalisten, Politiker, Republikaner wie Demokraten“. Dass die Serie vor allem in Europa gelegentlich als Kommentar gegen wachsenden amerikanischen Konservativismus und Religiosität verstanden wird, liegt dabei weniger an der liberalen Weltsicht von Kane und Kollegen. „Wir vertreten keine politische Meinung“, stellt der klar, „sondern wir nehmen uns immer diejenigen vor, die in den USA gerade den Ton angeben.“ Sollten in ein paar Jahren mal die Demokraten gewinnen, „dann werden wir mit unserem Spott über deren Werte herziehen“. Solange müssen eben vor allem die Republikaner herhalten und bekommen ihr Fett weg, zum Beispiel durch Tabubrüche wie eine jüngst von Homer Simpson in der Fernsehserie vollzogene Schwulenehe, die den Protest konservativer Gruppen provozierte.

Auch wenn er Tag für Tag vor allem die Hauptfiguren Bart, Homer, Lisa und Marge auf seinem Zeichentisch hat – die Lieblingsfigur von Kane ist ein Charakter, in dem er seine eigene Jugend wiederfindet: Barts Freund Milhouse, der ungelenke, unbeliebte Junge mit der dicken Brille. „Genauso war ich als Jugendlicher“, sagt Nathan Kane. Das war die Zeit, als er beschloss, Comiczeichner zu werden. Erst wollte er Superhelden kreieren. Aber dann sah er im College eine frühe „Simpsons“-Folge im Fernsehen, von da an waren Bart & Co. seine Helden.

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