Berlin : Gelber Museumsengel

Der alte „Christoph 31“, der erste ADAC-Hubschrauber Berlins, hat in Tegel einen neuen Ruheplatz gefunden

André Görke

Es ist noch nicht mal zehn Uhr, da werden vor den Toren der alten Feuerwache Tegel schon saftige „Riesenbuletten“ gewendet, für 2,50 Euro das Stück. Ein kleines Volksfest ist an diesem Morgen angesagt, wenige Meter vom S-Bahnhof Tegel entfernt, und hunderte Schaulustige sind dabei. Denn „Christoph 31“ – der markant-gelbe Rettungshubschrauber, erster ziviler Helikopter in West-Berlin, der „fliegende Engel“ mit der US-Fahne auf dem Lack –, er bekommt nun einen prominenteren Ruheplatz.

Statt auf dem Parkplatz des Feuerwehrmuseums zu verstauben, wird er feierlich auf ein Podest an der Straße gehievt. „Ein schöner Moment“, sagt der langjährige Feuerwehrchef und heutige THW-Chef Albrecht Broemme. „Unsere fliegende Arzttasche kennt in Berlin fast jeder.“

Als unten am Boden die Kinder, Rentner und all die Feuerwehrleute klatschen, donnert am Himmel der neue „Christoph 31“ vorbei. Der sei ja im Einsatz, sagt ein Feuerwehrmann leise, „aber diesen letzten Gruß wollten sich die Piloten nicht nehmen lassen.“ Das gehöre sich so.

Bis 2001 war der erste „Christoph 31“ im Dienst; er hat Geschichte geschrieben. Sie begann 1987. In den anderen WestBundesländern gab es längst Rettungshubschrauber mit dem Namen „Christoph“ – eine Anlehnung an den heiligen Christopherus, den Schutzheiligen der Reisenden – , nur in West-Berlin war das nicht möglich. Erst nach langen Verhandlungen stimmten die Alliierten zu. Weil Hubschrauber in den Luftkorridoren über der DDR verboten waren, musste er von Helmstedt per Lkw nach Berlin gefahren werden. Und wegen der Lufthoheit der Schutzmächte übernahm die US-Firma Omniflight den Betrieb. Nie durfte er die Grenze zur DDR überqueren, die US-Piloten gehörten zu den besten der Stadt. Sie hatten Vietnam-Erfahrung.

Oft war „Christoph 31“ in der Stadt zu sehen und zu hören, vor allem in Randbezirken wie etwa Frohnau, Kladow oder auch Wannsee. Vor allem liebten ihn die Schulkinder, wenn er mal wieder so viel Staub aufwirbelte und Lärm machte, dass an Unterricht nicht zu denken war. Und die anfängliche Diskussion, ob ein Hubschrauber in einer Stadt wie Berlin mit ihren oft engen Straßen überhaupt verwendbar sei, hatte sich nach den ersten Einsätzen auch rasch erledigt.

Der alte „Christoph 31“, eine Maschine vom Typ Bölkow Bo 105, hatte seine Heimat am Benjamin-Franklin-Krankenhaus, betankt wurde er nachts auf dem Flughafen Tempelhof. Von 7 Uhr bis Sonnenuntergang war er im Einsatz.

Von „rund 30 000 Einsätzen“ spricht Friedrich Rehkopf, der Geschäftsführer des ADAC, der extra von München nach Tegel gereist ist und sich „ganz berlinerisch“, wie er das nennt, erst mal eine „Riesencurrywurst“ genehmigt. Die Bilanz des alten „Christoph 31“, der nun mit zwei Plastikpiloten samt coolen Sonnenbrillen besetzt ist, sieht so aus: 17 000 Menschen wurde geholfen, darunter 1700 Herzinfarkt-Patienten und fast 1000 Schwerstverletzten. Am 1. April 1990 flog er erstmals in den anderen Teil der Stadt, an der Waltersdorfer Chaussee. Auch das ist längst Geschichte.

Heute sind neuere Typen am Himmel unterwegs. Einer trägt den Namen „Christoph Berlin“, der andere heißt „Christoph 31“. Er war mit drei Millionen Euro doppelt so teuer, aber er ist leiser und größer. Er zieht in sieben, acht Minuten einmal vom Süden Berlins bis in den Norden, setzt Rettungsärzte dort ab, wo kein Wagen so schnell hinkäme. An Badeseen. Auf Feldern. Sogar auf dem Parkplatz der iranischen Botschaft ist der alte Helikopter einmal gelandet, was zu einigen diplomatischen Verwirrungen führte.

Auch der neue gelbe Helikopter ist sehr gefragt. „Wir hatten fast 3000 Einsätze im vergangenen Jahr“, sagt ADAC- Chef Rehkopf, „so viele wie nie zuvor.“ Und nun gibt es Stimmen, die sagen: Wir brauchen einen dritten Hubschrauber. Da aber machen die Krankenkassen nicht mit. Nostalgie sei schön und gut, aber so ein Hubschraubereinsatz nun mal sehr teuer. „Wir sehen auch keinen Bedarf.“ 1400 Euro koste ein Einsatz in der Luft, auf dem Landweg maximal 630 Euro. Zumal so ein Helikopter nicht in der Nacht fliegen könne und nicht bei Nebel. „Das sind unnötige Kosten, am Ende für den Versicherten“, kritisieren die Kassen.

Am Ende geht es eben doch um Geld. Nur in Tegel, auf dem Stahlpodest neben der alten Feuerwache, da geht es um Geschichte. Um „Christoph 31“.

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