Geld : Jeder siebte Berliner ist pleite

Bei der Langen Nacht der Schuldnerberatung bildeten sich am Donnerstagabend riesige Warteschlangen. Die Initiatoren wollten damit auf das mangelhafte Beratungsnetz aufmerksam machen. Auch bei Jugendlichen ist die Verschuldung alarmierend.

Jörg Oberwittler

Der Zeigefinger tippt auf ein Schreiben der Berliner Staatsanwaltschaft. „Das zeigen Sie mir mal, das ist was Ernstes“, sagt Schuldnerberater Frank Wiedenhaupt und verursacht bei seinem Gegenüber einen erhöhten Pulsschlag. Doch die Angelegenheit bedeutet keine Gefängnisstrafe. Der Mann könnte also einen Teil seiner Schulden abarbeiten. Das macht die Insolvenzanmeldung zur Bedingung und erleichtert „Nummer 284“. Der Mann ist einer von vielen, die zur „Langen Nacht der Schuldnerberatung“ am Donnerstagabend bei der Beratungsstelle „Neue Armut“ in Neukölln Schlange gestanden haben. Seinen Namen möchte er nicht nennen. Wer will das schon bei 208.000 Euro Schulden? 37 Gläubiger stehen auf seiner Liste. Der Mann kann nicht mehr bezahlen, lebt von 345 Euro im Monat.

Mit einfachen Worten erklärt Frank Wiedenhaupt in solchen Fällen, welche Schritte zu tun sind. Immerhin legt „Nummer 284“ einen sauber geführten Ordner vor. Zuhauf kommen darin Mahnungen und Vollstreckungsankündigungen zum Vorschein. So viel Ordnung sei nicht selbstverständlich, sagt Wiedenhaupt. Viele würden sich scheuen, die genaue Summe auszurechnen. 3000 Euro hier, 4000 Euro dort. Oft schaut Wiedenhaupt dann in blasse Gesichter, wenn ein dickes Minus unterm Strich rauskommt.

Berlin und Bremen liegen an der Spitze

Rund 430.000 Menschen in Berlin sind nach Schätzungen der Landesarbeitsgemeinschaft Schuldner- und Insolvenzberatung nicht mehr in der Lage, ihre laufenden Kosten zu begleichen. Das sind gut 15 Prozent der Einwohner. Mit dieser Quote liegen Berlin und Bremen unter allen deutschen Ländern an der Spitze. Gut zehn Prozent sind es bundesweit. Entsprechend hoch ist der Andrang in den 21 anerkannten Beratungsstellen in Berlin. Und die Zahl der Beratungen steigt dramatisch. Im Vergleich zum Vorjahr sind es bereits jetzt 17 Prozent mehr. Mit dem bundesweiten Aktionsabend, an dem sich Verschuldete bis Mitternacht kostenlos beraten lassen konnten, wollten die Initiatoren daher auf das mangelhafte Beratungsnetz aufmerksam machen.

Immerhin kann sich die Hauptstadt mit ihrem Angebot sehen lassen. Im Vergleich zu Hessen, Bayern oder Baden-Württemberg habe der Berliner Senat erkannt, dass Schuldnerhilfe auf Dauer öffentliche Gelder einsparen hilft, sagt Klaus Richter von der Landesarbeitsgemeinschaft. Dennoch sei vor allem die Verschuldung bei Jugendlichen alarmierend, die mit dem ersten Girokonto oder dem Handyvertrag nicht umgehen könnten. Sechs Prozent der unter 18-Jährigen seien „ernsthaft überschuldet“.

Weitere Infos unter:
www.schuldnerberatung-berlin.de

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