Berlin : Geld statt Gefühl

Wie der Senat mit seinem ganz speziellen Berliner Stil die Hauptstadt-Debatte heruntermoderierte – und den anderen die Initiative überließ

Werner van Bebber

Das neue Berlin macht einen etwas verhärmten Eindruck. Aus allem großen Grübeln und Reden über Berlin, aus den Befürchtungen und den Beschwichtigungen ist eine bundespolitische Finanz-Angelegenheit geworden. Das ist das pragmatische und vorläufige Ende einer sehr deutschen Hauptstadtdiskussion, die anfangs mit großem Gefühl und noch größeren Beklemmungen geführt worden ist. Doch in der Berliner Republik dominieren die Geldsorgen den Geltungsanspruch. So stellt sich die Deutsche Nationalstiftung bei ihrer Jahrestagung am Mittwoch die Frage: Was ist uns die Hauptstadt wert?“

1991 schien die Antwort klar: viele Träume, noch mehr Geld. Das neue Berlin würde das Gegenteil vom ollen Bonn werden: repräsentativ, historisch-kulissenhaft, raumbeherrschend – eine Bühne, die sich gut mit Londoner oder Pariser Maßen messen konnte. Das zeigte sich in der Hochrechnung der Umzugskosten und an den vielen Plänen für Reichstag und Kanzleramt. Kaiser Wilhelm II. schien über den Linden zu schweben. Wie Berlin seine Hauptstadtfunktion ausfüllen würde, ahnten vor dem Umzug vor allem die Zweifler und die Bescheidenen unter den Politikern: zu ehrgeizig, zu pompös – und dadurch zu teuer.

Der damals die Stadt regierende Eberhard Diepgen setzte dagegen: Kommunalpolitik. Das war Diepgens Ausdruck für eine Berliner Bescheidenheit, von der er sich mehr versprach als von wohlintonierten Hauptstadtgesprächen mit dem Rotweinglas in der Hand. Diepgen moderierte die Hauptstadtdiskussion herunter von den stürmischen Höhen großdeutscher Erinnerungen und Befürchtungen. Es ging ihm um die Kosten, die Planung, die Umzugstechnokratie, immer unter dem Motto: Hauptsache, die Bonner sind erst mal hier.

Inzwischen schätzen Optimisten die Zahl der Arbeitsplätze, die Berlin durch den Umzug der Politik in den Osten gewonnen hat, auf viele Zehntausend. Viele neue Steuerzahler, viele kluge Leute – und trotzdem wirkt das „Unternehmen Berlin“, das Diepgen modernisieren wollte, maroder denn je. Also muss bundesweit weiter über die „Hauptstadtfunktion“ diskutiert werden – die Berliner Politik braucht Impulse von außen. Die Frühjahrsveröffentlichung zum Thema hieß „Berlin-Studie“. Stadtforscher Klaus Brake, einer ihrer Autoren, setzt auf die Ressource Wissen, Forschen, Bildung. Berlin müsse so etwas wie ein „Treffpunkt“ werden für Leute, die diskutieren und streiten wollten, für Forscher, Politik- und Wirtschaftsberater. Das ist für Brake jenseits aller wohlgesetzten Worte und aller Ansprüche aus Geschichte und Gegenwart, aus Hauptstadtrolle und Funktion alles, was die Stadt leisten kann: Sie sei bundesweit und international interessant, die Leute kämen gern – also muss man ihnen Gelegenheiten und Infrastruktur bieten.

So ähnlich scheint auch Klaus Wowereit, der Regierende, die Diskussion zu verstehen – pragmatisch, von Marketing-Argumenten wie der „jungen“ Stadt Berlin getragen. Wowereit, der gebürtige Berliner, führt die Hauptstadtdiskussion wie vor ihm Diepgen, lieber in den Gremien als auf dem Podium, lieber still und bescheiden als überregional ambitioniert. Dafür wird es Gründe geben, emotionale und sachliche. So hat der unambitionierte Berliner Stil in allen Fragen um „Hauptstadt“ und nationale Bedeutung zum Verschwinden vieler Befürchtungen vom neuen deutschen Größenwahn geführt. Andererseits fehlt dem neuen Berlin das Perspektivische, das das Wort „neu“ verspricht. Kein Wunder, dass die Beauftragte des Landes Berlin beim Bund, Monika Helbig, den Eindruck hat, bei ihren bundespolitischen Gesprächspartnern herrsche in Sachen Hauptstadtfunktionen ein „abwartendes Beobachten“ vor. Eine richtige Hauptstadtdiskussion? Helbig sagt: „Es müsste sie jemand anstoßen.“

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