Geldmangel : Ihren Pfarrer bezahlen die Gläubigen selbst

Weil die Kirchensteuereinnahmen sinken, finanzieren viele Gemeinden ihre Stellen mit Hilfe spendabler Mitglieder. Warum die Kirchen trotz Steuereinnahmen klamm sind, hat mehrere Gründe.

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Das Wort Gottes kostet. Steuereinnahmen genügen in vielen Berliner Kirchengemeinden nicht mehr, um Pfarrerstellen zu erhalten. -Foto: ecopix/Froese

Wenn Pfarrer Christian Hövermann von der Kanzel der evangelischen Kirche „Zum Heilsbronnen“ herabblickt, sieht er gut gefüllte Kirchenbänke. Die 4500 Mitglieder zählende Gemeinde in der Heilbronner Straße in Schöneberg ist für ihren Gottesdienstbesuch bekannt, wenn die Glocken läuten, strömen die Menschen auch an normalen Sonntagen in die Kirche. Und sie werfen ihr Scherflein in den Kollektenbeutel – oft sind es mehrere hundert Euro, die in Schöneberg zusammen kommen. Deutlich mehr, als anderswo.

Langfristig allerdings steht auch die Schöneberger Gemeinde vor einem Problem: Denn bundesweit gehen die Einnahmen aus der Kirchensteuer zurück. Auf der EKD-Synode im letzten Herbst in Ulm rechnete Klaus Winterhoff, der Finanzexperte der Evangelischen Kirche in Deutschland, mit Mindereinnahmen von bis zu 500 Millionen Euro in den Jahren 2009 und 2010. Auch die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz geht von einem massiven Rückgang der Kirchensteuern aus, sagt ihr Sprecher Volker Jasztrembski. Während 2008 noch 166 Millionen Euro Einnahmen zu verzeichnen waren, rechnet man für 2011 nur noch mit etwa 134 Millionen Euro. Vor allem Änderungen im Steuersystem, etwa die Wiedereinführung der Pendlerpauschale, sorgen dafür, dass die Kirchensteuer schwindet, denn sie wird entsprechend der Einkommenssteuer berechnet.

Gibt es Entlastungen bei der Einkommenssteuer, schrumpfen auch die Kirchensteuern. Dazu kommen die Überalterung vieler Kirchengemeinden und die Wirtschaftskrise. Denn die meisten Rentner und grundsätzlich alle Arbeitslosen zahlen keine Kirchensteuern.

Doch die Protestanten verzeichnen in Berlin auch einen eklatanten Mitgliederschwund, der vor allem durch Sterbefälle, aber auch durch Kirchenaustritte verursacht wird: Gehörten im Jahr 2000 noch rund 800 000 Berliner der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz an, waren es 2008 nur noch 665 000. Anders verhält es sich mit der katholischen Kirche: Bezogen auf das Land Berlin ist ihre Mitgliederzahl in den letzten Jahren gewachsen – von 307 731 im Jahr 2000 auf 322 845 im Jahr 2008. „Das liegt an den Zuzüglern“, sagt der Pressesprecher des Erzbistums Berlin, Stefan Förner. „Der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung ist im übrigen Bundesgebiet meist höher als in Berlin. Deswegen hat das Erzbistum in den letzten Jahren im Land Berlin mehr Gemeindeglieder durch Zuzug gewonnen, als es durch Tod oder Austritte verloren hat.“

Alle diese Zahlen kennen auch die Gemeindeglieder in der Schöneberger Kirchengemeinde. „Pfarrer Hövermann hatte schon vor drei Jahren nachgerechnet, und kam damals zu dem Ergebnis, dass es nach seiner Pensionierung 2013 wohl nicht mehr für eine volle Pfarrstelle reichen wird“, sagt der frühere Superintendent Wolfgang Barthen. Damit allerdings wollte sich die Gemeinde nicht so einfach abfinden. Vor allem Wolfgang Barthen nicht, der als Superintendent regelmäßig in der Kirche „Zum Heilsbronnen“ gepredigt hat. „Manche haben das für eine Schnapsidee gehalten, aber ich habe dann gefragt, ob wir es nicht schaffen könnten, eine Pfarrstelle aus eigener Kraft zu finanzieren“, sagt der Theologe.

Auch Barthen rechnete nach: Ein Pfarrer kostet die Evangelische Kirche pro Jahr rund 60 000 Euro an Lohnkosten und Sozialabgaben. Und in der Regel wird eine Pfarrstelle für die Dauer von zehn Jahren besetzt. „Ich muss also fragen: Finde ich in einer 4500 Mitglieder zählenden Gemeinde 500 Menschen, die zusätzlich zu ihrer Kirchensteuer bereit sind, zehn Jahre lang zehn Euro pro Monat für einen Pfarrer zu bezahlen“, sagt Barthen, der auch in seinem Ruhestand die Spendensammlung koordiniert.

Mittlerweile haben sich 194 Gemeindeglieder bereit erklärt, Monat für Monat zehn Euro zu spenden. Da ist die alte Dame aus dem Seniorenkreis, die möchte, dass die Arbeit in der Gemeinde wie bisher weitergeht. Da ist der Neffe aus Süddeutschland, dessen entfernte Tante in der Kirchengemeinde engagiert war, verstarb, bestattet wurde, und der sich nun für die Beerdigung bei der Gemeinde erkenntlich zeigen möchte. „Natürlich kann es sein, dass jemand in den nächsten zehn Jahren stirbt oder verarmt“, sagt Barthen. „Aber dann müssen wir eben jemand anderen finden, der seinen Anteil übernimmt.“

Auch anderswo sammeln Gemeinden erfolgreich Geld für Stellen und Projekte, die mit der Kirchensteuer nicht mehr finanzierbar sind. In einer Reihe katholischer Gemeinden würden zum Beispiel Sekretärinnen oder Kirchenmusiker anteilig durch Spenden finanziert, sagt Förner. Und in der Pfarrei Christus König in Adlershof sammeln die Gläubigen Geld für ihren Hausmeister. Denn neben der Kirche an der Nipkowstraße gehören auch die Kirche Maria Hilf in Altglienicke und das Gemeindehaus Sankt Laurentius in Bohnsdorf zur Pfarrgemeinde. „Für alle diese Grundstücke und Gebäude brauchen wir einfach einen Hausmeister“, sagt Pfarrer Horst Herrfurth. Doch seit der Finanzkrise des Erzbistums Berlin seien Mittel dafür nur noch begrenzt vorhanden. Also müssen Spendengelder dazu beitragen, dass die Gebäude in einem guten Zustand bleiben, der Rasen gemäht und die durchgebrannte Glühbirne ersetzt wird.

Noch anders läuft es in evangelischen Freikirchen, die von sich aus auf das Erheben von Kirchensteuern verzichten und sich ausschließlich durch freiwillige Beiträge ihrer Mitglieder finanzieren. Doch auch eine der bekanntesten evangelischen Kirchengemeinden im Westen Berlins, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, finanziert eine ihrer beiden Pfarrstellen ohne einen Euro aus der Kirchensteuer. „Allerdings sind die Spenden dabei der geringere Teil, das meiste kommt über den Andenkenverkauf und die Pachteinnahmen für die Stände auf dem Breitscheidplatz zusammen“, sagt Pfarrer Martin Germer. Für die Sanierung des maroden Turms der Kirche, die im Juni oder Juli beginnen soll, warb die Gemeinde höchst erfolgreich Spenden ein: Von den bislang veranschlagten 4,2 Millionen Euro fehlen nur noch „ein paar Zigtausend“, bilanziert Pfarrer Martin Germer.

Denn auch der Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erfüllt die Bedingung für eine erfolgreiche Fundraising-Aktion: „Die Menschen müssen einen persönlichen Bezug zu der Sache haben, für die gesammelt wird“, sagt Martin Germer. Auch die persönliche Ansprache durch die Gemeinde ist für die Spendenwerbung von Bedeutung. Das gilt auch für das Umfeld: Sowohl die Kirchengemeinde in Schöneberg als auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche befinden sich in einer bürgerlichen Gegend. Einer Kirchengemeinde in einem sozialen Brennpunkt wird es dagegen kaum gelingen, das für die Besetzung einer Stelle nötige Geld aus eigener Kraft aufzubringen. Weswegen die Einnahmen aus der Kirchensteuer, obwohl sie zur Zeit sinken, für die beiden großen Kirchen am Ende eben doch unverzichtbar bleiben.

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