Berlin : Gelenkig und gesund

Yoga ist mehr als esoterischer Klimbim. Es heilt – aber wie? Immer mehr Wissenschaftler erforschen das in Studien. Sie weisen nach: Yoga senkt den Blutdruck, verringert Kopfschmerzen und hilft bei der Osteoporose-Prävention

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Ein Texaner ohrfeigt seine Ehefrau, und der Richter verordnet einen Yogakurs. Das ist wahr, nachzulesen in der „Deutschen Ärztezeitung“. Der Mann habe wohl ein Kontrollproblem und das ließe sich besser auf der Yogamatte als im Gefängnis lösen, urteilte das Gericht.

Fakt ist: Yoga boomt. In Amerika hat sich die Zahl der Yogis in den letzten zehn Jahren auf 20 Millionen verdreifacht. Hier zu Lande liegt die Fangemeinde bei geschätzten drei Millionen, Tendenz stark steigend. Kurzum: Der Imagewandel des Yoga – weg von der Esoterik, rein in die Gesundheitsecke – hat Yoga einen neuen Markt verschafft. Mittlerweile bezahlen sogar die ansonsten knauserigen Krankenkassen ihren Mitgliedern YogaKurse. Die Barmer zum Beispiel übernimmt die Kosten für Yoga-Kurse, allerdings pro Jahr nur einen und maximal 75 Euro. Zwar ist Yoga in der westlichen Welt kein anerkanntes Heilverfahren, doch immer mehr Ärzte setzen es ergänzend zur Schulmedizin ein.

Eine davon ist Imogen Dalmann, die in Berlin eine Praxis hat, in der ausschließlich Yoga verordnet wird (www.byz.de). Diese Kombination aus medizinischer Diagnose und individuell angepasster yogischer Therapie hat Tradition. Den Grundstein hatte der Inder Swami Kuvalayananda schon in den 20er Jahren gelegt. Er gründete damals das „Kaivalyadhama Yoga Forschungs- und Therapiezentrum“ in der Nähe von Bombay. 1982 folgte dann Robin Monro, ein Molekularbiologe, in London mit dem „Yoga Biomedical Trust“, der bis heute Forschungsarbeit leistet. In den 60er Jahren hatte Monro mit Hilfe von Yoga sein Asthma auskurieren können – und war neugierig geworden: Er beschloss, das Phänomen auf eine solide wissenschaftliche Basis zu stellen. Zehn Jahre später, 1993, gründete Monro schließlich das Yoga-Therapie-Zentrum, das – in ein homöopathisches Spital integriert – chronisch an Multipler Sklerose, Asthma oder Diabetes Erkrankten helfen will. Monro sagt: „Medizin hängt nicht nur von Medikamenten und Chirurgie ab – auch das Bewusstsein spielt eine große Rolle.“ Imogen Dalmann bestätigt das: „Die Erfahrung zeigt, dass Heilen mit Yoga klappt.“ Allerdings: „In nicht wenigen Fällen können wir kaum sagen, warum diese oder jene Asanareihe ein Problem gelöst hat.“ Allein die medizinische Online-Datenbank „Medline“ listet mehr als 700 Studien auf, die sich mit den gesundheitsfördernden Aspekten von Yoga beschäftigen; welche seriös sind, geht daraus allerdings nicht hervor. Weltweit sind mehrere tausend erschienen.

Sie weisen nach: Zum einen funktioniert Yoga wie jedes andere gymnastische oder kraftbetonte Training auch: Durch den Druck, den „Kobra“, „Krähe“ und Co. auf Muskeln und Gewebe ausüben, verändert sich die Struktur des gesamten Halteapparates. Yoga baut Muskeln auf, hält das Bindegewebe straff und die Gelenke elastisch. Es fördert somit die Knochendichte, was zur Osteoporose-Prävention beiträgt, und die Lymphtätigkeit, was wiederum den Stoffwechsel anregt.

Forscher wie Dietrich Ebert zum Beispiel haben aber auch versucht, der anderen Seite des Yoga, Atemtechnik und Meditation, auf die Spur zu kommen. Ebert ist Humanmediziner und hat lange am Carl-Ludwig-Institut für Physiologie der Universität Leipzig gearbeitet, Forschungsschwerpunkt Atmungs- und Bewegungskoordination. Er hatte schon als Student mit Yoga angefangen, weil er Rückenschmerzen hatte und forschte dann ab den 80er Jahren über die physiologischen Aspekte von Yoga. Ebert hat nicht nur nachgewiesen, dass Asanas positiven Einfluss auf Durchblutung und Verdauung haben, und dass die Yoga-Atemtechnik zu einer „Zunahme des Atemminutenvolumens und der Sauerstoffaufnahme“ führt. Meditation wiederum senke den Laktat- sowie Cortisolspiegel im Blut. Damit hat Ebert als einer der ersten die Antistresswirkung von Yoga bewiesen, die mittlerweile auch unter Schulmedizinern unstrittig ist. Experten verweisen allerdings darauf, dass eine Stunde pro Woche im Yoga-Kurs des Fitnessstudios nicht weiterhilft. Wer Yoga als medizinische Therapie einsetzt, sollte mindestens vier Mal die Woche 30 bis 60 Minuten lang üben.

Eine 1996 an der Berliner HumboldtUniversität erschienene Dissertation steuerte später weitere Ergebnisse bei, vor allem über die Auswirkung von Yoga auf Schlafstörungen und chronische Kopfschmerzen. Die Autorin stellte fest, dass Yoga sich „als nichtmedikamentöse Therapie bei den Krankheitsbildern Kreuzschmerzen und Hypertonie“, also Bluthochdruck eigne. Sie untersuchte 52 Probanden mit Kreuzschmerzen und 34 Probanden mit Hypertonie. Bereits nach vier Wochen Yoga ließen Schmerzintensität und Schmerzdauer auffällig nach. In der Gruppe der Probanden mit Bluthochdruck wurden ebenfalls signifikante systolische und diastolische Blutdrucksenkungen beobachtet: um neun Prozent beim systolischen und sechs Prozent beim diastolischen. Interessanterweise konnte der größte Blutdruckabfall bei den Probanden beobachtet werden, deren Ausgangswerte für den Blutdruck besonders hoch war.

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