Berlin : Gelesene Nachrufe Musiker ohne Maske

AUFTRITT DER WOCHE Die Comic-Kombo Gorillaz spielt in Berlin – mit echten Menschen auf der Bühne

Christian Helten
Screenshot: Label
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„Mit dem Tod leben“ – unter diesem Motto veranstaltet der Kirchenkreis Stadtmitte bis zum 21. November eine Themenwoche mit Ausstellungen, Konzerten, Lesungen und Schülerworkshops. Am Mittwoch, 17. November liest Tagesspiegel-Redakteur David Ensikat Texte der Nachrufe-Seite, die freitags in dieser Zeitung erscheint. Die Lesung wird musikalisch begleitet von der Cellistin Gabriella Strümpel: 18 Uhr, Georgensaal, Klosterstraße 66 in Mitte, Eintritt frei. Tsp

Das Programm der Themenwoche

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Am Sonntag tritt im Velodrom eine Band auf, die streng genommen gar nicht existiert: die Gorillaz. Der ehemalige Blur-Frontman Damon Albarn hat die Gruppe zusammen mit dem Zeichner Jamie Hewlett erschaffen, eine Comicfigurenkombo, die ihn selbst heraushalten sollte aus dem Rampenlicht. Er hatte mit seiner Brit-Pop- Truppe Blur lange genug vor kreischenden Teenagern gespielt. Und irgendwie kann man ihn verstehen: In einer Popwelt mit Castingshows und Stars, die mehr erfundenes Image sind als echter Mensch, ist es vielleicht nur konsequent, sich gleich ein paar schräge Zombiefiguren zu zeichnen, anstatt sich selbst ins oft quälende Rampenlicht zu stellen. So kommt Albarn sogar um lästige Interviews herum: Zu sprechen ist oft nur die Cartoonfigur des Sängers namens „2D“, für die übrigens ein kompletter Lebenslauf existiert.

Auch das neue Album „Plastic Beach“ ist mehr als eine Sammlung der 18 Songs, die darauf enthalten sind. Sie sind in eine Geschichte voll ebenso liebevoller wie absurder Details verwoben, wer das Album bei iTunes kauft, bekommt sie in Videos und Zeichnungen mitgeliefert. Der schlaksige Bassist Murdoc muss aus seinem abgebrannten Tonstudio und vor den Nachwehen seiner missglückten Spekulationen am Finanzmarkt fliehen. Er lässt sich im Südpazifik nieder, auf einer atompilzförmigen Insel, gemacht aus dem Plastikmüll unserer Zivilisation. Musikalisch ist bemerkenswert, wie rücksichtslos die Gorillaz wieder verschiedene Stile miteinander mischen, und wie viel mehr als die Summe der verwendeten Stilelemente dabei oft herauskommt – zum Beispiel, wenn sich die Stimme von Soul-Legende Bobby Womack über einen düsteren Synthesizer-Teppich legt. Bei Livekonzerten brachte das Comic-Konzept der Gorillaz allerdings ein Problem mit sich: Beim Live-Erlebnis will der Musikfan sehen, wie der Drummer auf seine Trommeln einprügelt und dem Gitarristen die Seite reißt. Ein paar Zeichentrickmännchen können das nicht leisten. Und so haben die Gorillaz sich von ihrem Versteckspiel verabschiedet. 2005 waren zusätzlich zu den Comicfiguren immerhin die Schatten der Musiker zu sehen, die hinter Leinwänden spielten. Nun sieht man Albarn unverdeckt, und dazu die 18-köpfige Band mit zwei Schlagzeugern und sieben Streichern. Die aufwändig produzierten Videos fehlen trotzdem nicht. Sie werden schon deshalb gebraucht, weil die Gorillaz auf ihrem Album „Plastic Beach“ wieder eine Heerschar von Künstlern versammelt haben, die sie musikalisch und gesanglich unterstützen: Lou Reed, De La Soul, Mos Def, Bobby Wommack – um nur ein paar Namen zu nennen.

Das Berliner Konzert der Gorillaz ist das einzige in Deutschland. Und die Tour, so kündigte Damon Albarn an, wird für die nächsten fünf oder sechs Jahre die letzte sein. Da passt es, dass auf dieser Tour noch mal ein kleines Stück Musikgeschichte geschrieben wird: Zum ersten Mal seit langer Zeit stehen Paul Simonon und Mick Jones wieder gemeinsam auf der Bühne. Sie gehörten zu den Gründungsmitgliedern der Londoner Punkband The Clash. Christian Helten

Das Konzert im Velodrom beginnt am Sonntag um 19.30 Uhr. Karten kosten im Vorverkauf 60 Euro.

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