Berlin : Geliebte Feindin

1946 durfte Annemarie Lauenstein als erste Kriegsbraut in die USA. Jetzt wird an sie und andere erinnert

Elisabeth Binder

Im Hintergrund ihrer Wohnung in Carborro, North Carolina, läuft Swing im TV, das ist durchs Telefon deutlich zu hören. Annemarie Lauenstein schaltet den Ton aus. Sie war die erste Deutsche, die nach dem Krieg die Erlaubnis erhielt, als Braut eines amerikanischen Soldaten in die USA reisen. Ihren Draht zu Berlin hat die Ausstellungsmacherin Andrea Szatmary erneuert, die für das Alliierten-Museum die Ausstellung „Es begann mit einem Kuss“ vorbereitet. Nach einigen Umwegen kam sie mit Hilfe einer anderen Kriegsbraut auf ihre Spur.

Annemarie Lauensteins Geschichte ist die eines einzigartigen Happy Ends, von dem sie selber nicht zu träumen gewagt hätte damals in Dessau, im unmittelbaren Nachkriegselend. Traurige Zeiten lagen hinter ihr. Sie hatte zunächst als Ballett-Tänzerin gearbeitet, musste dann aber in der Flugzeugfabrik schuften. Die Familie war gegen die Nazis, und am Heiligabend 1943 holte die Gestapo den Vater ab. Er kam in ein Gefangenenlager in der Nähe von Erfurt, wurde dort 1945 von den Amerikanern noch befreit, starb aber kurze Zeit später im Krankenhaus.

Inzwischen hatten die Russen die Herrschaft über Dessau übernommen. Bob Lauenstein war damals Chef eines Bierlokals am Wannsee. Bier war knapp in Berlin. Also setzte sich der US-Soldat zusammen mit einem Kameraden in einen Laster und fuhr, um Nachschub zu holen, nach Dessau, wo sie übernachten mussten. Annemarie und ihre Schwester erfuhren davon. Die Mutter schickte sie, um die Soldaten zu bitten, einen Brief nach Berlin zu schmuggeln. Das war der Beginn einer wunderbaren Liebe.

Es wurde viel Bier gebraucht in jenen Tagen, und die Amerikaner kamen öfter, bis missgünstige Nachbarn sie den Russen verrieten. Vor dem letzten Trip zurück in den amerikanischen Sektor Berlins ging Bob zu Annemaries Mutter: „Ich habe Ihre Tochter lieb und will sie nicht hier zurücklassen.“ Also schmuggelte er Mutter und Tochter mit nach Berlin. Die Schwester blieb zurück. Annemarie Lauenstein, die damals Heinke hieß, erinnert sich noch genau an die Situation, als herauskam, dass Bobs Einheit nach Amerika zurückversetzt werden sollte. „Ich lag auf der Pritsche in dem kleinen Apartment hinter dem Bierlokal.“ Sie sah ihn an und sagte: „Ich dachte, wir würden heiraten.“ „Warum nicht?“ antwortete er. Eigentlich durften nur britische und französische Kriegsbräute in die USA einreisen, aber ein Fehler von Präsident Truman machte es möglich, dass auch sie ihrem künftigen Mann folgen konnte. Wobei nie ganz geklärt wurde, ob es wirklich ein Fehler war, dass er Frauen aus dem ehemaligen Feindesland nicht ausdrücklich ausschloss. Jedenfalls kam das grüne Licht im Oktober 1946, und als die Sache öffentlich wurde, war die Hölle los am Wannsee. „Überall waren Reporter.“ Auch am Flughafen in New York wurde sie von Journalisten erwartet. „Wie gefällt es Ihnen in Amerika?“, wollten sie wissen. „Sie hat doch noch kaum ein Bein auf der Erde, wie soll sie denn das wissen“, rief Bob den Reportern zu. „Ich war furchtbar schüchtern und konnte noch gar kein Englisch“, sagt die inzwischen fast 82-Jährige, die heute mit der ihr unbekannten Berliner Reporterin ganz unbefangen abwechselnd auf Deutsch und Englisch telefoniert. Das Magazin „Life“ begleitete das junge Paar damals durch New Yorker Nachtclubs. Schließlich traf sie in St. Louis die Familie ihres Mannes. Noch heute ist sie gerührt über das warme Willkommen: „Sie haben mich umarmt, bevor sie ihn umarmt haben.“ Bei der Trauung in der Trinity Lutheran Church sprach der Pfarrer sogar Deutsch. Es war eine traumhafte Hochzeit. Und es folgte ein sehr glückliches Leben: Zwei Kinder, Mark und Ingrid. Vier Enkel. Ihr Mann wurde Präsident einer Stahlfirma. Viele Reisen, auch nach Europa, zweimal sogar nach Berlin. Einmal kam die Mutter in die USA. Es hat ihr dort nicht gefallen, aber immerhin hat sie den Enkelsohn gesehen. Vor zweieinhalb Jahren ist Bob an Lungenkrebs gestorben, und sie vermisst ihn sehr: „Er war ein wunderbarer Ehemann, Liebhaber, Freund. Ich hatte großes Glück. Anderen Kriegsbräuten ist es nicht so gut ergangen.“ Hat sie jemals Heimweh bekommen? „Nicht wirklich“, sagt sie am Telefon. „Meine ganze Familie ist ja hier.“ Nur die Schwester in Dessau konnte sie nicht besuchen. „Die haben uns nicht einreisen lassen.“ Nach Berlin würde sie gern mal wieder kommen. „Aber das kann ich mir leider nicht mehr leisten.“

It started with a Kiss, Alliierten Museum, Clayallee 135, 21. Oktober bis 19. März täglich außer mittwochs 10 bis 18 Uhr

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