Berlin : Geliebte Freakshow

Thomas Hermanns, Chef vom Quatsch Comedy Club, hat seinen ersten Krimi geschrieben und plaudert darüber im Stammlokal.

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Kneipentischtäter.
Kneipentischtäter.

Das Fernsehen ist eine Mördergrube – gemacht von Blendern, Beutelschneidern und Zynikern. Das weiß man ja nun schon seit Sidney Lumets richtungsweisender Quotensatire „Network“. Natürlich noch längst kein Grund, genau das mal wieder unterhaltsam aufzubereiten. Besonders, wenn der Autor eine in 20 Jahren Showgeschäft mit viel Insiderwissen gesegnete Fernsehnase wie Thomas Hermanns ist. Der in Prenzlauer Berg ansässige Chef des Quatsch Comedy Clubs hat jetzt seinen ersten Krimi auf den Markt gebracht. „Mörder Quote“ heißt die ironische Abrechnung mit dem Castingshow-Irrsinn.

Hermanns sitzt an diesem Mittag im „Pasternak“ in der Knaackstraße. Das russische Restaurant ist sein Stammlokal. Im März hat er hier seinen 49. Geburtstag gefeiert. Besonders im grausamen Berliner Winter flüchte er gerne hierher, sagt er. „Da ist der Borschtsch dein Freund.“

In seinem Buch sind Freund und Feind eher schwer auseinanderzuhalten. Das ist besonders für seine beiden Helden im fiktiven Personal der Show „Music Star 3000“ lästig. Die Jurorin Tanya – Phänotyp sexy Blondine – und der schwule Kandidat Sascha werden doch etwas nervös, als es in jeder Produktionswoche eine Leiche in den Fernsehkatakomben von Köln-Ossendorf gibt. Die sensationsgeilen Zuschauer und der Sender sind natürlich begeistert. Denn gesendet muss ja werden, auch wenn die herabfallende Diskokugel der Sängerin den Kopf weg- sprengt.

Einen Krimi zu schreiben hatte Hermanns schon lange vor. Er ist Agatha-Christie-Fan und hat jedes ihrer Bücher gelesen. Dass es ein „Comedy-Thriller“ geworden ist, wie er sein selbst erfundenes Genre nennt, liegt natürlich am Gewerbe des Theaterwissenschaftlers, der außer als Comedian und Moderator schon länger als Autor für Serien, Musicals oder Filme arbeitet. Und an seinem Ärger über Fehler in anderen Mediensatiren. „Da stimmt ja ganz viel nicht. Es gibt keine koksenden Warm-Upper, wie in Dietls Kinofilm ,Late Show‘, dazu sind die viel zu gestresst.“ In seinem Buch gebe es dagegen nichts, was es nicht wirklich beim Fernsehen gibt, behauptet er. Das tröstet angesichts des Panoptikums an Fieslingen und Freaks, die Hermanns auffährt, nicht.

Er selber ist überzeugt davon, dass ein Privatsender, dessen Castingshow von einer realen Mordserie heimgesucht würde, die Sendung nie abbrechen würde. „Und die Leute würden weiter gucken. Wenn die Quote über 70 Prozent ist, wird die Moral locker.“ Außerdem sei das Format mal abgesehen von Sportübertragungen das einzige, was Mutter und Tochter noch gemeinsam im Fernsehen gucken. Das machte es für die Sender bei aller Übersättigung weiter so attraktiv.

Ähnlichkeiten mit realen Castingshows und deren Juroren sind im Buch ebenso unvermeidlich wie beabsichtigt – inklusive einer Dieter Bohlen nachempfundenen „Ballermann-Domina“. Die typische Jury-Besetzung habe Simon Cowell, der Bösewicht des Originalformats „America Idol“ vor zehn Jahren erfunden, sagt Hermanns. „Rechts sitzt immer der Böse, in der Mitte die Hübsche und links der Clown oder Bekloppte – das hat was mit klassischem Tragödienaufbau zu tun.“

Seine Hass-Castingshow ist übrigens „Germany’s next Topmodel“. Das sei schon dreist, wie den Mädchen da der langweiligste Job der Welt als Traumjob verkauft werde. „Dabei ist lebender Kleiderständer sein nichts als ein Albtraum.“ Hermanns muss es wissen, er hat am Anfang seiner Karriere Regie bei Modenschauen von Bogner und Boss geführt.

Gegen die Möchtegern-Popstars, die sich dem Zirkus als Kandidaten aussetzen, hat er nichts. Das hätte er mit 16 selber gern gemacht, doch da gab es solche Formate noch nicht, in denen er mit Castingshows neueren Typs wie „X-Faktor“ und „The Voice“ wieder eine Entwicklung zu mehr Freundlichkeit und weniger Zynismus ausmacht. Doch ihn nervt, dass die Shows Entertainment als Bootcamp darstellen. So nach dem Madonna-Motto: Sei fleißig, dann wirst du auch was. Blödsinn, findet Hermanns. Tina Turner singe bestimmt nicht so toll, weil sie morgens um sieben schon auf dem Stepper stünde. „Starqualität kommt von Individualität, von Verwundungen, von Leben, von zu viel oder zu wenig Drogen.“ Und genau das lässt sich niemals trainieren.

Thomas Hermanns: Mörder Quote, Goldmann Verlag, 320 Seiten, 9 Euro

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